— 194 —
Gedanken einer Bekehrung des Westens zur morgenländischenKirche 1 . Die jüngeren Anhänger der Schule dagegen warenfolgerichtiger vom Standpunkt der behaupteten Unübertragbar-keit der Kultur aus: nach ihnen mufs die fortschreitende Ent-wicklung des Unglaubens auf geistigem und diejenige des Prole-tariats auf socialem Gebiet die noch vorhandenen LebensformenEuropas soweit auflösen, bis endlich das Zersetzungsproduktreif geworden sei zum ethnographischen Material der auf-strebenden Slavenwelt. „Für den Einzelnen so wenig wie fürVölker giebt es einen Jungbrunnen."
War die Richtung der Slavophilen mehr eine philosophisch-idealistische, so war die der Panslavisten eine politisch-realistische; die Ausdrucksweise jener war oft poetisch undblumenreich — erinnert sei an die formvollendeten Gedichtevon Chamiakoff —; die dieser war nicht selten agitatorisch undleidenschaftlich. Dort waltete ein auf das allgemeine gerich-teter Geist, hier nationale Begrenzung. Der Gegensatz zuEuropa war bei den Slavophilen mehr theoretisch, bei denPanslavisten chauvinistisch.
Das Buch „Rufsland und Europa" von Danilewski wurdeder weit verbreitete „Katechismus des Panslavismus". SeineIdeen bildeten in scharfer Zusammenfassung die Grundlagejenes Nationalismus, wie ihn die „Moskauer Nachrichten"predigten, und wie er in den achtziger Jahren, entsprechendgemildert, sich vielfach in offiziösen Schimmer kleidete.
Nach Danilewski bediente sich die göttliche Vorsehungder Türkei , um die jugendlichen Völker der südlichenSlaven vor der Ansteckung Europas zu bewahren. Dietürkische Herrschaft war nützlich, weil sie die ursprünglicheArt der unterjochten Völker erhielt. Heute dagegen ist dasmuselmännische Joch wertlos und zwecklos geworden; denndie Türkei ist ein Spielball in den Händen Europas , keinSchutz mehr vor europäischen Einflüssen. Aufserdem aberist die zum Kampf gegen den Westen berufene Weltmacht
1 Vergl. seinen Briefwechsel mit Palmer, gesammelte Werke II,p. 343 ff.