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des Kaisers Nikolaus und vieler Legitimisten, sich gegebenen-falls mit der Revolution in Europa zu verbinden. Gleichgültiggegenüber der roten wie der weifsen Farbe, das Ziel im Auge,treibe Rufsland „Gelegenheitspolitik" und bediene sich derinneren Zwistigkeiten Europas 1 .
Auf dieser Grundanschauung beruht die Stellung derPanslavisten zu Deutschland . An sich ist es für dasslavische Interesse gleichgültig, ob Schleswig-Holstein deutsch oder dänisch, das linke Rheinufer deutsch oder französischist. Ja, die Panslavisten hielten einen Vergleich mit Deutsch-land für möglich und erspriefslich, welcher auf Grund derZertrümmerung Österreichs und des Heimfalls seiner westlichenProvinzen an Deutschland gedacht war. Zeitweise waren diePanslavisten also bereit, den vorgeschobensten Posten derSlaven, das von ihnen so hoch gepriesene Czechenvolk zuopfern — die lärmenden Sympathien für die Czechen solltennur ihren Wert als Vergleichsobjekt steigern. Der Berliner Kongrefs 1878 bedeutete den Wendepunkt der öffentlichenMeinung Rufslands gegenüber Deutschland . Man glaubte da-mals zu erkennen, dafs der „Weg nach Konstantinopel durchdas Brandenburger Thor führe". Nachdem Deutschland dieIntegrität Österreichs gewährleistet hatte, erblickte der russische Nationalismus in Deutschland die festeste Bastion Europas ,deren Einnahme durch die slavischen Sturmkolonnen den Kampfzwischen Ost und West überhaupt entscheide. Wenn Deutsch-land Österreich preisgegeben hätte, so würde nach Meinungder Panslavisten der Streitgegenstand zwischen Deutschland und Rufsland aus der Welt geschafft worden sein. Abergerade weil man hierauf vergeblich hoffte, waren seit den80er Jahren die Panslavisten Befürworter des russisch-fran-zösischen Bündnisses mit einer gegen Deutschland gerichtetenSpitze.
Sicherlich liefen auch andere als die erörterten politischenGründe bei diesem Gegensatz zu Deutschland mit unter. Die
1 Ganz ähnlich Katkoff in den „Moskauer Nachrichten", 1886,Nr. 187.