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sie die russische Staatsform erheben, weil Parteikämpfe inihr nur wenig Boden fänden — das war Geschmackssache.Aber noch hatten diese Institutionen die Probe zu be-stehen gegenüber dem gröfsten Umschwung, den das Lebeneines Volkes durchmachen kann: dem Übergang von derNatural- zur Geldwirtschaft. Verfehlt war es daher, in ihnennicht nur die Gröfse der Vergangenheit zu erblicken, sondernauch die Gröfse der Zukunft und ihnen sogar die Lösungder von Europa ungelöst gelassenen socialen Frage bei-zumessen.
2. In gleicher Weise irrten die Slavophilen, indem sie dieAbhängigkeit der geistigen von der wirtschaftlichen Ent-wicklung verkannten. Mochten sie immer die moralischenEigenschaften des russischen Bauern, seine Bedürfnislosigkeit,seine Widerstandsfähigkeit gegen Schmerz und Leiden, mochtensie sein Solidaritätsgefühl, sowie seine Ergebenheit gegenüberder Autorität preisen, auch das war Geschmackssache. Abersie durften nicht vergessen, dafs auch in Westeuropa derSubjektivismus gegenüber der Autorität, das höhere Bedürfnisgegenüber der Bedürfnislosigkeit, sich verhältnismäfsig erstspät und aus wirtschaftlichen Gründen ausgebildet haben.
In der That verfehlte der russische Bauer auch auf micheines tiefen Eindruckes nicht: jenes Antlitz frommer Ergeben-heit, mit langem, in der Mitte gescheiteltem Haar, blondem,wirren Bart. Ich erinnere mich des Staunens, mit welchemich die Widerstandsfähigkeit des Volkes gegen körperlichenSchmerz und Entbehrungen beobachtete; ich sah die Pförtner,wie das in Moskau und anderen Städten üblich ist, die Winter-nächte vor den Thoren der Häuser sitzen, unbeweglich, un-bekümmert um die dreifsig Grad Kälte. Ich sah WäscherinnenWäsche waschen in Löchern, die in das Eis des Flufses ge-hackt waren. Ich sah in den Notstandsbezirken die Bauernhungern, leiden und sterben so leichten Sinnes, wie ich esnicht für möglich gehalten hätte. Aber diese Erscheinungen,die die Slavophilen rühmten, verfehlten sie wirtschaftsgeschicht-lich zu begreifen. Die Entwicklung gröfserer Sensibilität er-scheint eben als eines der wichtigsten Machtmittel im Kampfe