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Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
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uin das Dasein, indem sie zu einer energischen Abwehr feind-licher Einflüsse und zu persönlicher Initiative führt. Diesempfindet das russische Volk selbst; weniger rückschrittlichals seine Verherrlicher sieht es sein Ideal nicht in dem ent-sagungsreichen Mujik, sondern in dem selbstbewufsten, sichund seinem Rofs das Dasein verdankenden Sohn der Steppe,dem freien Kosaken".

Die Slavophilen behaupteten mit Recht die Unselbständig-keit der russischenIntelligenz" gegenüber Europa . Ge-schmackssache war es, wenn sie gegen dieseaffenhaftigeNachahmung des Westens" wetterten. Aber gerade darinbestand die Schwäche der bisherigen Vertreter derBildung"in Rufsland, jener Professoren, Beamten, Journalisten, dafs siealle von der Regierung abhängig, nicht westeuropäischeKlasse", Bürgertum waren.

Auch darin irrten die Slavophilen, dafs sie die mittlereSchicht des Bauern, welche heute nach zwei Seiten zerfällt,als die Grundlage dernationalen Bildung" der Zukunft an-sahen. Das Geistesleben dieser Schicht ist festgelegt. Da-gegen hebt sich heute auch in Rufsland eine bürgerlicheSchicht empor, für deren Fortschritt die Zunahme derStädte an Einwohnerzahl und Steuerfähigkeit den bestenBeweis liefert, hinter ihr bereits die industrielle Arbeiter-klasse. Auf dem Lande aber entsteht eine obere, geldwirt-schaftliche Schicht von Bauern, deren geistige Bewegungeneinen subjektivistischen, also europäischen Charakter tragen.Hier liegt der Boden, der dem Geistesleben der Zukunft einetiefgründige Wurzelung ermöglicht.

Indem die Slavophilen die wirtschaftliche Grundlage allermenschlichen Entwicklung übersahen, erblickten sie national-slavische Eigentümlichkeiten da, wo gewisse Ähnlichkeitenzwischen Russen und übrigen Slaven durch eine gleiche Rück-ständigkeit der Wirtschaftsstufe bewirkt waren. So verfielensie der Idee einer besonderen slavischen Kultur und pan-slavistischen Träumen.

In der That, die Feindschaft gegen europäische Ideen istnur so weit begründet, als man an den naturalwirtschaftlichen