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Leben des Volkes einen Einflul's üben könnten in der Richtungauf Erziehung zur Gemeinwirtschaft. Dadurch, dafs der Stu-dent das Bauernhemd anzieht, werden seine Worte und seineGefühle dem Bauern noch nicht verständlich. Nirgends aberist die geistige Entfernung zwischen Volk und Gebildetengröfser als in Rufsland, wo bei den Bauern die Leibeigenschaftunvergessen ist und der Argwohn gegen die Herren noch un-gebrochen fortlebt. Diese Kluft nimmt überhaupt von Westennach Osten zu; sie ist z. B. an der Oder gröfser als amRhein , wo städtische und ländliche Klassen miteinander ver-schmelzen.
In der Nähe der von mir besuchten Tolstoischen Koloniebefand sich z. ß. ein Dorf von Molokanen, welche ähnlich denStundisten zu den protestantisch gerichteten Sektierern Rufs-lands gehören. Die Tolstojaner hatten versucht, mit dieserMolokanengemeinde anzuknüpfen; aber die mifstrauischenBauern hatten ihren Vorsteher in der Meinung, dafs er sichzu sehr den „Herren" genähert habe, fallen gelassen undeinen neuen Ältesten gewählt, welcher sich den Einflüssenvon aufsen gegenüber widerstandsfähiger erwies. Die bäuer-lichen Sekten beruhen auf Selbstbehauptung, nicht Selbst-aufgabe, auf Individualismus, nicht Quietismus. Obgleich derBauer keine westeuropäischen Bücher kennt, erweist er sicheuropäischer als seine litterarischen Bewunderer: Tolstojanerruinieren sich meist, die Bauern-Sektierer sind reich.
Der Besuch der Tolstoischen Kolonie hat mir einen neuenBeleg dafür gebracht, dafs der Socialismus die Weltanschauungvon Klassen ist, welche auf dem Boden der gegenwärtigenWelt nicht imstande sind, ihre Interessen zu wahren; ihrIdeal liegt in dem schützenden Gruppendasein der Vorzeit.So war der Socialismus vor fünfzig Jahren das Credo desenglischen Fabrikarbeiters; er ist heute die Weltanschauungniedergedrückter Schichten des deutschen Proletariats wie desrussischen Adels.
Anders der russische Bauer, dessen obere Schichten sichenergisch den Erfordernissen der neuen Zeit anpassen. Nichtauf dem Wege der „goldenen Umteilung" setzt sich der Bauer