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Seitdem ohne ernstliche Nebenbuhler, verkündete England um die Mitte des Jahrhunderts den Freihandel. „Die Werk-statt der Welt", hoffte es, dafs die übrigen Nationen zumFreihandel übergehen und fortfahren würden, Rohstoffe undNahrungsmittel gegen englische Gewerbeerzeugnisse auszu-tauschen. Der Gröfse des damaligen England war der Globusgerade grofs genug.
Aber die weitere Entwicklung vollzog sich anders als diegrofsen Apostel des englischen Freihandels geträumt hatten.Hinter Schutzzöllen errichteten die festländischen Nationen einaufblühendes Grofsgewerbe. Das Bedürfnis industrieller Aus-fuhr, die Notwendigkeit, eine schnellanwachsende Bevölkerungauf schmalem Gebiete zu ernähren, der Gedanke an die aus-wandernden Volksgenossen schreckte „das Volk der Dichterund Denker" aus dem engbegrenzten Stillleben, in dem esdrei Jahrhunderte verträumt hatte. Schüchtern, tastend undverspätet betrat Deutschland den Weg, der über die Grenzendes alten Europa hinausführt.
Anders Frankreich : Weniger das Bedürfnis der Aus-fuhr und der Auswanderung, als das Bedürfnis der Anlagereicher, ererbter und neuersparter Kapitalien verbündete sichhier mit der alten und glorreichen Tradition kolonialer Aus-dehnung. Nachdem bereits bei Waterloo der Entscheid end-gültig gefallen schien, erhob sich Frankreich mit wunderbarerElasticität zu neuem Anlauf. Sein grofser Tag in unseremJahrhundert war die Eroberung Algiers. Durch europäischeFestlandspolitik ging einst das amerikanische Frankreich ver-loren, für dessen Weite die Namen Montreal , St. Louis undNeu-Orleans noch heute Denkmäler sind - , seitdem erstand einneues afrikanisches Frankreich — in seiner Zukunft wiederumdurch europäische Festlandspolitik bedroht (Faschoda!).