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Der Landmann aber wird nur dann mehr kaufen, wenner selber in die Lage kommt, mehr zu verkaufen. An wenaber soll er verkaufen? Es wäre ein Fehlschlufs, mitMendelejeff zu antworten, an die städtischen Konsumenten,die wir durch Schutzzölle schaffen wollen. Die chronologischeReihenfolge ist vielmehr: erst der ländliche Absatzmarkt, da-mit die Industrie und damit die gewerblichen Konsumenten.Mit andern Worten: in Rufsland ist es die Landwirtschaft,welche „das Geld in das Land bringt", die Zahlungsbilanzverbessert und damit den Volkswohlstand und die Kaufkraftder Bevölkerung hebt. Kein noch so hoher Industriezoll ver-ändert die Naturalwirtschaftlichkeit des umgebenden agrarenBodens. Die Industrie erblühte nicht unter der ProhibitionNicolaus' I., sondern nachdem die Reformen Alexanders II. die landwirtschaftliche Ausfuhr hervorgerufen hatten. DieFortschritte der Geldwirtschaft auf dem Lande aber und damitdie Entwicklung der Industrie werden auch künftig in ersterLinie abhängen von dem Verkauf land- und forstwirtschaft-licher Produkte, Mineralien u. s. w. nach Europa ; insbesonderealso von der zunehmenden Bevölkerungsdichte und demwachsenden Wohlstand desjenigen Nachbarlandes, welches inwirtschaftlicher Beziehung für Rufsland stets am wichtigstenist: Deutschlands .
Die Geldwirtschaft sprengt zudem den Gemeindebesitz,welcher durch „die Gleichheit der Armut", die er verewigt,dem industriellen Absatz feindlich ist. Das Interesse derIndustrie erfordert die Entwicklung bäuerlicher Überschufswirt-schaften, welche Steuern zahlen und Industrieprodukte kaufen.
Wie aber eine reaktionäre Agrarpolitik dem tiefer ge-fafsten Interesse der russischen Industrie widerspricht, ebensowenig kann sie sich auf die Verwirklichung der weit aus-sehenden politischen Expansionsgedanken ihrer nationalistischenFreunde vertrösten lassen, abgesehen selbst von dem geringenGeschick, welches gerade Moskau auf asiatischen Absatzgebietenvielfach an den Tag legt 1 .
1 Die „Apathie und Trägheit des Moskauer Unternehmertums"tadelt z. B. der offizielle Finanzbote vom 11. Nov. 1894. Auch in dieserBeziehung ist Polen energischer. Vergl. Luxemburg a.a.O. S. 86—88.