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Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
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In engem Zusammenhang hiermit steht der weit ver-breitete Absenteismus des mittleren Adels, welcher als Offizier,Beamter, Gelehrter, Journalist Zuschüsse zu seinem agrarenRenteneinkommen erwirbt.

Als eine der gröfsten Schwierigkeiten, mit welcher dieGutswirtschaft zu kämpfen hat, ist die ländliche Arbeiter-frage anzusehen.

Eine eingehende Kenntnis der ländlichen ArbeiterfrageRufslands vermittelt das Werlc von Korolenko b Die dortgegebene Geographie der ländlichen Arbeiterverhältuisseschliefst an die oben besprochene Einteilung Rufslands in ver-schiedene landwirtschaftliche Zonen an.

Die nördlichen Gouvernements der Wald- und Flachszonebesitzen infolge des geringen landwirtschaftlichen Areals jenerGegenden Menschentiberschufs; sie entsenden entsprechend dendort von alters her eingewurzelten Hausindustrieen grofsen-teils gewerbliche Wanderarbeit, insbesondere nach den Städtenund Fabriken, daneben, aber in unzureichender Menge, land-wirtschaftliche Wanderarbeit in die mittleren Gouvernements.

Die mittleren Gouvernements, die Gegenden der Drei-felderwirtschaft und die Sitze der früheren Leibeigenschaft,entsenden in Massen ärmere und rein landwirtschaftlicheWanderarbeit nach dem Süden. Folge ist drückender Arbeiter-mangel in den mittleren Gouvernements selbst, sowie völligeUnsicherheit der vorhandenen Arbeit bei der steten Gefahrihres Abflusses in den menschenarmen Süden. Beide Um-stände erschweren auf das äufserste die Eigenwirtschaft desGutsbesitzers. Korolenko bestätigt ausdrücklich, dafs die Ver-suche einer Wirtschaft mit eigenem Inventar, die der Adelvielfach nach der Bauernbefreiung machte, mit wenigen Aus-nahmen gescheitert sind. Korolenko versichert, dafs Guts-wirtschaften, welche ausschliefslich im Eigenbetriebe ständen,kaum mehr vorhanden seien. Arbeitermangel ist auch das

1 Korolenko, Die freie Arbeit in der Gutswirtschaft. Peters-burg 1892. Insbesondere Erster Teil, S. 78 bis Schlufs. Zweiter Teil,passim.

v. Sohulze-G-aevernitz, Studien a. Rufsl. 21