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aber diese Veränderungen sind nicht das Ergebnis persön-licher Absicht, sondern erscheinen als das Ergebnis derThätigkeit gewisser geheimnisvoller Mächte, welche sein Lebenregieren. Der völlige Mangel der Selbsttätigkeit, die völligeund bedingungslose Unterwerfung unter das, was von aufsenkommt — dies ist das Grundprinzip der Weltanschauung desBauern." „Der Protest gegen die Umstände, wenn sie un-erträglich werden, drückt sich entweder in Flucht oder wilder,plötzlicher Zerstörung aus 1 ."
Die Art, wie die Bauernbefreiung sich vollzog, hat dazubeigetragen, den Bauern an diesen psychologischen Typus desLeibeigenen festzuschmieden. Der Gedanke der „Befreiungdes Bauern mit dem Lande", d. h. der Landausstattung desbefreiten Bauern, wurde im Laufe der Reform zu Gunstendes Adels mehr und mehr abgeschwächt; ein grofserTeil des Landes verblieb beim Adel. Der gewesene Guts-bauer wurde also in der grofsen Mehrzahl der Fälle einproletarischer Zwergbesitzer; die ihm gewordene Landaus-stattung war zu gering, um auf ihr die Tugenden des Freien:Arbeit, Selbsthilfe und wirtschaftlichen Fortschritt zu gründen.Auf dem Boden proletarischer Hoffnungslosigkeit lebtenals Erbstücke der Leibeigenschaft Passivität und Indolenzweiter.
Folge dieser Verhältnisse ist nach meiner Auffassung dieFortdauer des Gemeindebesitzes. Hinsichtlich desGemeindebesitzes in seiner gegenwärtigen Gestalt ist vorallem auf das riesige Thatsachenmaterial Bezug zu nehmen,welches in den Landschaftsstatistiken niedergelegt ist; die-selben umfassen eine ganze Bibliothek zum Teil sehr wert-vollen Inhalts; es wäre zu wünschen, dafs eine vollständigeSammlung der russischen Landschaftsstatistiken wenigstens ineiner Bibliothek Deutschlands oder Frankreichs vorhandenwäre 2 .
1 Vergl. Kawelin, Bauernfrage. S. 150—151.
2 Eine kurze wertvolle Zusammenstellung der wichtigsten Ergeb-nisse findet sich in den „Quellen der volkswirtschaftlichen Erforschung