Druckschrift 
Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
Entstehung
Seite
336
Einzelbild herunterladen
 
  

336

Auch zum Verständnis der heutigen Verhältnisse desGemeindebesitzes ist auf seinen fiskalen Ursprung zu ver-weisen. Noch bei der Befreiungsgesetzgebung spielten fiskale Ge-sichtspunkte eine hervorragende Rolle, wie die Beibehaltungder Solidarhaft der Gemeinden für Steuern und Ablösungs-zahlungen beweist. Wo diese Solidarhaft von praktischer Be-deutung war, d. h. dort, wo die Abgaben an den Ertrag derGrundstücke heranreichten oder ihn überstiegen, wurde durchdie Befreiungsgesetzgebung der Gemeindebesitz befestigt, ja aufGebiete ausgedehnt, denen er bisher fremd gewesen war. Dietheoretische Abneigung vieler Mitglieder der Gesetzgebungs-kommission gegen den Gemeindebesitz hatte gegenüber denfiskalen Rücksichten wenig Bedeutung 1 .

Auch heute ist der Gemeindebesitz am festesten einge-wurzelt in den weniger geld- und verkehrswirtschaftlichenTeilen des Reiches, wo der Widerspruch zwischen Geld-abgaben und Naturalwirtschaft am klaffendsten ist. Dort wirdin häufigen Umteilungen der Landbesitz, der Träger derSteuer, den veränderten Arbeitskräften angepafst. Die Normder Teilung ist in diesen Fällen meist die Arbeitskraft 2 .Häufig teilt die Gemeinde das Land in der Weise des früherenGutsherrn nach Paaren (Tjaglo, arbeitsfähiges Ehepaar). Wo

Kufslands auf Grund der Landschaftsstatistik". Moskau 1892. Indeutscher Sprache giebt neuerdings Simkho wits ch,Die Feld-gemeinschaft in Rufsland", Jena 1898, eine nützliche Zusammenfassungdes gegenwärtigen Standes der Gemeindebesitzfrage. Das Buch ent-hält für denjenigen, dem die russische Litteratur einigermafsen bekanntist, wenig neues; jedoch soll hierin kein Tadel liegen; denn es ist einVerdienst, ein uferloses Meer, auf dem so viele Irrfahrten gemachtwurden, sicher zu beschiffen. Den Kompafs hat bereits vor Jahr-zehnten Tschitscherin gearbeitet. Dieser grofse Gelehrte war füralle Späteren ein Pfadfinder.

1 So Brscheski, Die Dorfgemeinde auf Grund der neuestenDaten. Ökonomische Rundschau, November 1897, S. 62/63. ÄhnlichÖkonomische Rundschau, Juli 1898, S. 8.

2 Quellen I, Landverteilung nach Tjaglo S. 68, 224; nach ArbeiterS. 285, 290; nach Kraft schlechthin S. 66, 75, 362. Vergl. auchKeufsler a. a. 0. II, 300.