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Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
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Ähnliches gilt auch vom Brennholz, welches von der Ge-sellschaft des Roten Kreuzes ebenfalls in Massen eingeführtund zu ermäfsigtem Preis verkauft wird. Der Mangel anBrennmaterial wurde von meinem Berichterstatter als ebensoschwerwiegend, wie der Mangel an Nahrung angeseheneine eigentümliche Erscheinung, wenn man bedenkt, dafsunter den Häusern der frierenden Bauern in einer Tiefe von30 bis 40 Ellen ein starkes Plötz von Lignitkohle sich hin-zieht, welche für Haushaltszwecke wohl geeignet ist. Währenddas Pud der geringeren Sorte Kohle an Ort und Stelle nur2 bis 2V2 Kop. (4 bis 5 Pfg.) kostet, während eine englischeGesellschaft jährlich 12 Millionen Pud dieser Kohle aus demBezirk ausführt, ist die Feuerung der Bauern in alter Weisedas Stroh ihrer Felder. Kohle können sie nicht brennen, weilsie nicht das Geld haben, einen für Kohle geeigneten Ofenzu kaufen, obwohl letzterer für wenige Rubel zu haben wäre;den alten, nur für Stroh oder Holz geeigneten russischenBauernofen, der zugleich den Haupteinrichtungsgegenstandihrer Wohnung bildet und das Bett ersetzt, errichten sie da-gegen beim Bau ihrer Häuser selbst. Wenn die Ernte schlechtist und Stroh oder Dünger ausbleibt, so sind die Dächer derStälle und Häuser das einzige Brennmaterial, bis auch diesesausgeht und mit dem Hunger zugleich die Kälte in dieBauernstube einzieht.

Fahrten durch den Bezirk erwiesen mir, dafs meinBerichterstatter keineswegs übertrieben hatte. In dem be-deutenden Kirchdorf L. zeugte die grofse, mit massiver Kuppelüberdeckte Kirche von früherem Reichtum. Der Priester er-zählte, dafs sie vor 30 Jahren, d. h. unmittelbar nach Auf-hebung der Leibeigenschaft, von den Bauern ohne einenKopeken fremder Hilfe und ohne Schulden erbaut sei. Inunübersehbaren Reihen ziehen sich auf beiden Seiten der.Kirche die Bauernhäuser hin, welche gegen 7000 Einwohnerbeherbergen. Was dem Westeuropäer an ihnen zunächst auf-fällt, ist die Gleichheit des äufseren Aussehens und Umfangs,welche einen Unterschied zwischen Reich und Arm noch kaumerkennen läfst. Ein Besuch zahlreicher Bauernhäuser zeigte