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auch in ihrem Innern ein ziemlich gleiches Mafs des Not-stands.
Ich hat z. B., mir einen „reichen" Bauern zu zeigen.Dieser Mann, welcher seinen Anteil am Gemeindeland selbstbearbeitet, vielleicht einen andern dazu gepachtet hat, daherder Gemeinde als zahlungsfähig gilt, lebt von den ihm ge-währten Darlehen an Roggenkorn, durchschnittlich 20 Pfundpro Person monatlich. Andere Nahrung ist nicht vorhanden.Das Vieh ist in die Stube genommen, wohl um die Wärmezu erhöhen. Denn mit jedem Holzscheit, jedem Strohhalmmufs gespart werden.
In einem benachbarten Dorfe, das ich besuchte, erklärteder Priester, dafs er seine Stelle als Pfleger des Roten Kreuzesam liebsten niederlegen würde; so unauskömmlich seien dieMittel der Hilfe. Täglich kämen Frauen zu ihm, welche Brotfür die hungernden Kinder erbäten, ohne dafs er helfen könne.Nicht nur Frauen, auch Männer habe er weinen gesehen.Während dieses Gesprächs versammelten sich vor dem Priester-haus, welches sich kaum von den Bauerngehöften uütferschied,die Bauern und Bäuerinnen. Jedoch wurden wir weder hiernoch an anderen Orten während unserer Fahrt durch Bettelbelästigt. Auch bei dieser Gelegenheit machte sich die Eigen-tümlichkeit des russischen Bauern geltend, als Gesamtheit auf-zutreten. Es erschien eine Abordnung der Gemeinde, an derSpitze ihr Ältester, welcher meinem Begleiter die Unmöglich-keit darlegte, das Heu selbst zu dem ermäfsigten Preise desRoten Kreuzes zu kaufen. Angesichts des sich stetig mindern-den Viehbestandes der Gemeinde werde um darlehnsweiseÜberlassung des Heues gebeten, weil widrigenfalls die Be-stellung der Felder im Frühjahr unmöglich sei. Es erschieneine Abordnung der Mütter des Dorfes, welche um Ge-währung von Graupe zur Ernährung ihrer Kinder unter dreiJahren baten — angesichts der Unmöglichkeit, Kinder sozarten Alters mit Roggenbrot zu nähren, dem einzigenNahrungsmittel, das selbst den Wohlhabenden zur Verfügungstehe.
Wir besuchten ein benachbartes Dorf. Hier trat uns