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Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
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uns, dafs man nur einige 20 Kranke aufnehmen könne,während im Dorfe an 200 krank seien. Sie wähle daher dieärmsten und schlechtest verpflegten zur Aufnahme aus. DieseAuswahl sei freilich erschwert, da die zweite Pflegeschwesterein Opfer der Ansteckung geworden sei; sie selbst aber könnedie Kranken nicht verlassen. Welche Aufgabe dieser einenaufopfernden Frau inmitten einer unwissenden Bevölkerunggestellt war, mag man daraus ermessen, dafs nach ihrer An-gabe der Arzt etwa einmal monatlich erschien.

Einige Tage darauf hatte ich Gelegenheit, diesen viel inAnspruch genommenen, trefflichen Mann in der Bezirksstadtkennen zu lernen. Er gab mir eine Reihe interessanter Daten.Im Jahre 1891 übertraf in dem Bezirk mit 170 000 Ein-wohnern die Zahl der Geburten die der Todesfälle um 860,im Jahre 1892 die Zahl der Todesfälle die der Geburtenum 1027.

Ein besonderes Anzeichen für die Gründe, welche aufdie Sterbeziffer einwirken, ist der Umstand, dafs dieselbe inden Monaten aufserordentlich herabsank, in denen der Bauervon den Erträgen der letzten Ernte lebte. In dem Dorfe K.,mit 4000 Einwohnern, welches als verhältnismäfsig günstigesBeispiel gelten kann, da es von der Typhusepidemie 1892verschont blieb, war die Sterblichkeit folgende vor und nachder Ernte:

Jan. F. M. A. M. J. Jul. A. S. O. N. D.

1891 13 9 3 8 11 19 33 27 11 22 9 17

1892 29 30 41 35 45 59 48 26 9 19 18 36

Das Bild, welches diese Zahlen gewähren, wird um sodüsterer, wenn man bedenkt, dafs in ihnen die Wirkungen derzweiten Mifsernte sich nur unvollkommen spiegeln. Vielmehr

Geburten Todesfälle

1890 i ..... . , 8769 811818911 Mlttelernte 9763 8903

1892 Mifsernte 8708 9735