Print 
Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
Place and Date of Creation
Page
548
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 
  

548

die westlichen Grenzprovinzen Bier, der Kaukasus Wein innennenswertem Umfange. Der russische Bauer pflegt sicheinigemal im Jahre mit verwässertem Branntwein sinnlos zu be-trinken; aber diese Sinnlosigkeit beruht zum Teil darauf, dafser kein Gewohnheitstrinker ist,wenig verträgt".

Ein verhältnismäfsig armes Land wie Rufsland bringt proKopf der Bevölkerung vom Branntwein mehr als doppelt soviel auf, wie Deutschland, während Deutschland pro Kopf fastdoppelt so viel verbraucht!!

Die Zolleinnahmen Rufslands sind ebenso unter demHochschutzzoll der 80er Jahre ununterbrochen gestiegen, wieunter den Milderungen des Zollsystems, welche die Handels-vertragspolitik der 90er Jahre brachte 1 .

Blicken wir zurück. Die Zunahme der Zoll-, Eisenbahn-,Post- und Telegrapheneinnahmen weist unmittelbar auf steigen-den Verkehr und Güteraustausch. Die Möglichkeit, auf demWege der indirekten Besteuerung gewaltige und steigendeGeldbeträge flüssig zu machen, beweist, dafs die breite bäuer-liche Bevölkerung im Besitz von Bargeld sich befindet: sie ver-kauft, gleichgültig ob sie landwirtschaftliche Erzeugnisse oder imLohnvertrage ihre Arbeitskraft verkauft. Höchst bezeichnend indieser Richtung ist die Bedeutung der Ernte für den Eingang derwichtigsten Steuer, der Branntweinsteuer 2 . Der ganze finan-zielle Aufschwung Rufslands beruht in letzter Linie also aufdem Siege der Geldwirtschaft über die Natural-wirtschaft; da aber tragkräftige Finanzen die Grund-lage aller Machtpolitik nach aussen sind, so bleibt demrussischen Staate keine Wahl: er mufs die russische Volks-wii'tschaft europäisieren.

Werfen wir nunmehr noch einen Blick auf das Ausgabe-budget 3 .

1 Vergl. Kasclikaroff a. a. 0. S. 86/87.

2 Auf diesen Zusammenhang weist Kaschkaroff a. a. 0. S. 73.

3 Ich entnehme diese Ziffern den oben angegebenen Quellen.Vergl. S. 539 Anm. 1.