Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
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vor Alters. Wenn Gottes Gerichte die Welt heimsuchen, sosollten wir, die Bewohner der Erde, Gerechtigkeit lernen."

Die Eindrücke des Elternhauses sind zeitlebens für Car-lyles Entwicklung die bestimmenden geblieben, wie sehr erspäter den ungeheuren Schatz des modernen Denkens in sichaufnahm.Es war kein fröhliches Leben", sagt er von seinerJugend,wessen Leben wäre es? und doch flofs es sicher undruhig dahin, und war mehr als das der meisten oder aller,von deren Lebenslaufe ich Zeuge gewesen bin, ein gesundesLeben! Wir waren eher schweigsam als gesprächig. Aberwenn auch nur wenig gesagt wurde, so hatte doch das wenigegewöhnlich Bedeutung."

Frische und Urwüchsigkeit zeichnet den engen Kreis aus,in dem sich die Jugend Carlyles abspielt. Etwas altnordischesliegt in diesen Leuten mit eckigen Köpfen, mit grauen,scharfen Augen, Ernst und Willenskraft in den Zügen undeinem Blitz von Humor in den Mundwinkeln.

Carlyle war durch seine Geburt in eine Welt gestelltworden, die von dem, was wir achtzehntes Jahrhundert nannten,völlig unberührt geblieben war, auf welche die von den gleich-zeitigen Verhältnissen abstrahierte Nationalökonomie schlechter-dings nicht pafste. Das Thun dieser Menschen bestimmtesich thatsächlich nicht nach individualistischen Motiven, son-dern nach einer gemeinsamen, ihr ganzes Wesen durchdringen-den Weltanschauung. Die Arbeit geschah hier in der Thatum ihrer selbst willen, sie war ein Gebet. So war Carlylein einer Welt aufgewachsen ähnlich der des Mittelalters oderder grofsen Kirchenbewegung, Zeiten, welche der Kationalismusnicht begreifen konnte, weil er ihre Beweggründe nicht aufdie seinen zurückführen kann. Carlyle hatte sie verstehenund zugleich durch eigene Erfahrung kennen gelernt, wie vielgesunder, in sich zufriedener und leistungsfähiger sie waren,