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starkknochige Menschen hervorzubringen, die uralt wurden,wilde Charaktere, mit denen nicht gut zu verkehren war.Auch in Carlyles Vater lebte der alte Jähzorn fort, aber erwar überwunden von einer religiösen Überzeugung, welchesein ganzes Leben bis in die Einzelheiten hinein beherrschte.Durch seinen Glauben, sagt sein Sohn von ihm, sei er sicherinmitten einer fallenden Ära geschritten, „ein Mann der altenZeit, auch ein ultimus Romanorum". Dies ist Carlyles Vater,ein echter Schotte, in allem das Urbild seines Sohnes, welchersich stets bewufst war, dafs er das beste, was er besitze,dieser Quelle verdanke. Auch darin antiindividualistisch ge-sinnt, betrachtete der Sohn sich selber im eigentlichsten Sinneals eine Fortsetzung des Wesens seines Vaters, den er nachdessen Tode mit dem Pfeiler verglich, auf dem er selberstehe, den die Wasser bereits überflutet hätten, die auch ihnbald bedecken würden. Seiner natürlichen Begabung nach,sagt Carlyle, war er, obwohl nur zur Hälfte entwickelt, derbedeutendste Mensch, dem er im Leben begegnet sei.
Was Carlyle mit seiner Mutter verband, war, dafs er inihr, unter alten Formen zwar, jene Übereinstimmung desDenkens und Handelns fand, welche dem modernen Menschenfehlt, und die unter neuen Formen zurückzugewinnen, Carlylefür die wichtigste Aufgabe der Gegenwart hielt. So kann erihr ohne Unwahrheit schreiben, dafs ihre Ansichten trotzäufserer Verschiedenheit die gleichen seien, dafs auch er fürdie alte gute Sache kämpfe. Auch über den Grund desElends der Gegenwart stimmen sie überein, nur dafs dieMutter in der Sprache des Testamentes das Sünde nennt, wasder Sohn als den Mangel einer das Leben beherrschendenund regulierenden Weltanschauung beklagte. „Kein Wunder",schreibt sie am 19. Juli 1840, „wenn wir unfruchtbare Zeitenhaben; denn wir sind ein Volk mit Sünde beladen wie Israel