— 106 —
worden und unentbehrliche Teile der geistigen KonstitutionEuropas geworden seien. In der That ist es der Begriff desOrganismus, welcher sämtliche einzelne Wissenschaften, wiedie Gesamtwissenschaft überhaupt, umgestaltet.
Die Idee des Organismus giebt allein die Möglichkeitzur philosophischen Überwindung des individualistischen Stand-punktes; sie ermöglicht einen Standpunkt antiindividualistischerMoral, wie ihn religiöse Zeiten besessen haben, verbundenmit einer den wissenschaftlichen Überzeugungen der Gegen-wart entsprechenden Weltanschauung. Wie der Mensch alsEinzelwesen durch die Selbstsucht, so ist er als Teil einesOrganismus durch das geleitet, was Carlyle bald als „Glaube",bald als „Liebe" bezeichnet. An Stelle der utilitarischen Be-gründung der Moral wird damit „Selbstverleugnung der Grundaller Tugend" (selfdenial parent of all virtue). Alles nichtaus diesem Beweggrunde entspringende Thun ist individua-listisch und wirkt gesellschaftsauf lösend. Da bei dem heutigenKulturmenschen die Eigenschaft als Teil eines Gesamtwesensdie eines Einzelwesens weit übertrifft, so handelt nur der-jenige gut, d. h. „den Tendenzen der Natur gemäfs", der vonaltruistischer 1 Grundlage aus handelt. Selbstsucht ist der Grundalles moralisch schlechten 3 . Hieraus folgt zugleich, dafs derUnterschied zwischen gut und schlecht kein relativer ist, wieder landläufige Kationalismus behauptet, sondern ein absoluter,ein „unendlicher", weil beide völlig verschiedenen Welten,weil verschiedenen Motivationsweisen angehören.
Auch bezüglich des Erkennens wird die angedeutete Auf-fassung von Wichtigkeit. Erkenntnis beruht auf dem Willen,ein Satz, in dem Carlyle die gesamte neuere Philosophie,
t
1 Hier wie im folgenden wird der Ausdruck „altruistisch" nach demVorgange H. Spencers im Sinne von „antiindividualistisch" gebraucht.
2 Vergl. Heroes and heroworsliip S. 218.