Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
171
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füllende pessimistische Stimmung. Wäre man auf sie alleinangewiesen, so läge die Annahme nicht ferne, dafs Carlyle ander Zukunft der europäischen Gesellschaft überhaupt ver-zweifelt habe. Um Carlyles Stellungnahme zu seinen Zeit-genossen richtig zu erfassen, darf man sich daher von denPamphleten des jüngsten Tages" nicht allein leiten lassen.Vielmehr hat man seine früheren Schriften, die ja, soweit sienicht rein historisch sind, sämtlich socialen oder philosophischenInhalt haben, zu Rate zu ziehen, und wird dieselben mitmanchen noch späteren Äufserungen in Einklang finden, welchedie Schärfe derPamphlete des jüngsten Tages" nicht teilen.Dabei ist jedoch daran festzuhalten, dafs die Grundanschauungüberall die gleiche ist, und die Verschiedenheit mehr imAusdrucke liegt.

A. Die inneren Formen.

Die Kritik, welche Carlyle an den gesellschaftlichen Zu-ständen der Gegenwart übt, bezieht sich nicht auf einzelneSchäden. So viel man deren auch aufzuzählen vermag, soliegt ihnen doch eine einzige Thatsache zu Grunde: die Ge-sellschaft unserer Zeit verliert mehr und mehr den zu ihrerGesundheit, ja ihrer Existenz notwendigen Glaubensinhaltdurch Auflösung der inneren Formen. Für Carlyle deckt sichdas Gebiet der inneren Formen, welche die äufsere Gestaltungder Gesellschaft bestimmen, nicht mit der Summe der reli-giösen Vorstellungen. Neben ihnen und mit ihnen aufs engsteverflochten, stehen weitere sociale Ideen, wie dynastische An-hänglichkeit, Familiensinn u. ä., welche den Charakter jenerals Glaubensvorstellungen teilen. Wenn wir uns daher desSchicksals vergewissert haben, welches jene betrifft, so er-kennen wir damit, was früher oder später auch diesen be-vorsteht.