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Der herrliche Bau der Kirche, welchen einst grofse undgottbegeisterte Männer errichtet haben, ist nach Carlyle heutein traurigstem Verfall. Um dieses Urteil zu würdigen, denkeman an die kirchlichen Verhältnisse Englands , besonders seinerStaatskirche, im Anfang dieses Jahrhunderts. Carlyle betrach-tete es als seine Aufgabe, die Kirche seiner Zeit auf das hef-tigste zu befehden, den „Exodus aus Houndsditch" seinen Zeit-genossen nach Kräften zu erleichtern. Der Grund davon liegtdarin, dafs ihm hier der Sitz eines Übels zu liegen schien,welches das Leben seiner Nation in allen Äufserungen vergiftete:einer „unendlichen Heuchelei". (Vergl. Froude, Carlyle in Lon-don II, Kap. 17, S. 19; Brief Carlyles an Erskine.) Carlyleaber macht diesen Vorwurf nicht einer Nation allein; es han-delt sich ihm vielmehr um eine allgemein europäische Er-scheinung. Wir leben heute im Zeitalter des „Jesuitismus".
* „ Seit den letzten beiden Jahrhunderten wird die Menschheitvon der Lehre des Ignatius beherrscht, vielleicht der sonder-barsten und gewifs der unheilvollsten, die je gepredigt wur-den" 1 . Es ist klar, dals dieser Begriff des Jesuitismus einweiterer ist, als ihn die Geschichtsschreibung gemeiniglichfafst. Die romanischen Völker hatten nicht um deswillen denkatholischen Kirchenglauben festgehalten, weil er für sie,wenigstens für die Kreise ihrer gebildeten Männer, noch zeit-gemäfs war. Es geschah dies vielmehr in der Weise, dafsein innerlich überwundener Glaubensstandpunkt in Rücksichtauf Macht und Herrschaft der Kirche, Seelenruhe des Ein-zelnen und Bestand der überlieferten Gesellschaft äufserlichfestgehalten wurde. Hieraus entnimmt Carlyle seinen Begriffdes Jesuitismus; er versteht darunter jedes äufsere Bekennenvon Glaubensvorstellungen um fremder, nicht in ihnen selbst
1 Latter Day Pamphlets S. 353.