— 174 —
weit man noch daran glaubt, ein jenseitiges Wohlergehen.Der Schwerpunkt des Daseins rückt damit in das Individuumzurück. Trotz äufserer religiöser Formen ist das Handelndes Menschen vom Egoismus beherrscht, d. h. antisocial. DieReligion hat, wie Carlyle sarkastisch sich ausdrückt, „ihreZuflucht in den Magen genommen".
Der Geist der Unwahrheit aber verbreitet sich über alleZweige des Lebens. „Nicht Wahrheit, sondern ein Amalgamvon Wahrheit und Falschheit" scheint nützlich und sicher.„In Parlament und auf der Kanzel, in Schrift und Wort, woimmer Menschen einander etwas mitzuteilen haben, folgensie dieser Gewohnheit. Die menschliche Rede ist nicht mehrwahr! Ein feines Gift der Lüge durchdringt die ganze Ge-sellschaft" k Schonungslos hat Carlyle insbesondere die Un-wahrheit in den politischen Gewohnheiten seines Volkes an-gegriffen. Keinen der Staatsmänner seiner Zeit, mit Ausnahmevon Sir Robert Peel , hielt er für ehrlich und der Sache mehrals der eigenen Person dienend. Noch war damals das Beispielmassiver Aufrichtigkeit nicht gegeben, mit der später, ent-gegen den Gewohnheiten der Politiker, ein grofser Staatsmanndie Diplomaten wie die Völker Europas in Erstaunen setzte. Dasgleiche wie von der Politik schien Carlyle von allen Lebens-gewohnheiten zu gelten. Das Dasein des Engländers ist nachihm auf „Traditionalitäten" aufgebaut, von überkommenen For-men umgeben, welche er aufrecht erhält, nicht weil sie ihmwahr, sondern weil sie nützlich „respectabel" erscheinen.„Kein Engländer", sagt Carlyle, „wagt mehr die Wahrheitzu glauben. Seit 200 Jahren ist er eingehüllt in Lügen jederArt. Er hält die Wahrheit für gefährlich, und man sieht ihnüberall bemüht, dieselbe dadurch zu mildern, dafs er eine
1 Latter Lay Pamphlets S. 375.