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1 (1890)
Entstehung
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des Glaubens wie des Staates Auflösung bedeutet. Zugleichaber sah er ein, dafs die alte Ordnung, eines Glaubens-inhaltes bar, dem revolutionären Ansturm gegenüber sehwachsei, und dafs das neue nur von neueren Richtungen besiegtwerden könne. Letztere aber sah er noch in weiter Ferne.Diese Beobachtungen verdüsterten den Lebensabend Carlyles.Froude erzählt uns, wie der Greis in vertrautem Gesprächein steigendes Anwachsen des Atheismus für das kommendeHalbjahrhundert prophezeite 1 . Andererseits betrachtete Carlylediese Entwicklung nicht ohne eine gewisse Genugthuung.Bedeuteten doch jene Richtungen, welche mehr und mehr umsich griffen, den Untergang einer sündigen und unwahrenWelt. Nach Carlyle kann eine vollständig individualistischeGesellschaft nicht bestehen; sie ist in der Lage, sich entwederreformieren oder untergehen zu müssen.Der Tag der Ab-rechnung," sagt Carlyle,langsam herankommend, ist jetztendlich für Europa da, er klopft auch an die Thür von Eng-land , und jetzt wird man sehen, ob allgemeines Vorgeben vonGlauben eine Regel für das menschliche Leben bilden kann,ob ehrenwerte jüdische und andere Fetische verbunden mitthatsächlicher Verehrung von Yorkshire - und anderen Aktienhier unten ihren Zweck erfüllen werden 2 ."

Bei Carlyle hatte sich diese Ansicht von den gegen-wärtigen Gesellschaftszuständen schon früh als Folge seinerWeltanschauung festgestellt. Von wie verschiedener Seite erdieselben auch im Laufe seines Lebens kennen lernte, überallerblickte er Anzeichen, welche die Richtigkeit seiner Grund-anschauung belegten. Wir wenden unsern Blick zunächstauf die theoretischen Richtungen, sodann auf die politischen

1 Vergl. Froude, Carlyle in London I. S. 396.

2 ibid. S. 335.