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Schlages. Daher die Furcht vor Übervölkerung, die damalsin England die weitesten Kreise ergriffen hatte. „In diesenVorstellungen ist nirgends Licht", sagt Carlyle, „sondern nurein grimmiges Bild des Hungers, offene Mäuler, die sich immerweiter und weiter öffnen, eine Welt, die auf die furchtbarsteWeise durch eine vom Hunger zum Wahnsinn getriebene, sichgegenseitig auffressende Bevölkerung zu Grunde geht 1 ."
Da von der freiwilligen Enthaltsamkeit nicht viel zuerwarten ist, so sind es künstliche Mittel, welche die er-schreckten Politiker und Nationalökonomen empfehlen, umdie Zunahme der Bevölkerung einzuschränken. Carlyle be-trachtet dieselben als ein Anzeichen tiefen Verfalls. Er nimmtauf eine Schrift Bezug, welche zur Zeit der Abfassung seinesChartismus wiederholt verlegt und in Massen verkauft wurde.Der Verfasser, welcher sich an die Arbeiter wendet, schlägtdarin ein System der Kindertötung vor. Von den Malthus -schen Ideen erfüllt, hält er ein solches Verfahren für einePflicht des Patriotismus, der die Mutterliebe sich beugenmüsse. Um die Grausamkeit seines Vorschlages zu mildern,rät er „schmerzlose Tötung", etwa durch Kohlengas. „Mankönnte ja auch schöne Friedhöfe bauen mit Kolonnaden undBlumen", in denen die patriotischen Kindermörderinnen, fährtCarlyle fort, ihren Abendspaziergang zu Kontemplationszweckenmachen könnten. „Wäre da nicht", frägt Carlyle in bitteremHohn, „die Methode der alten Spartaner vorzuziehen? Siehetzten ihre Heloten und spiefsten sie nieder, wenn sie zuzahlreich wurden. Wie viel leichter würde eine solche Hetzesein nach Erfindung der Feuerwaffen. Selbst in dem dichtestbevölkerten Lande würden drei Tage jährlich genügen, umalle wehrhaften Proletarier niederzuschiefsen 2 ." Carlyle selbst
1 Vergl. Sartor Resartus, Ausgabe von Fischer, S. 222.
2 Vergl. Sartor Resartus, Ausgabe von Kretzschmar, S. 177.