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geübt, welche sie zu besitzen vorgaben. Aber sie warendurchaus beispielloser Natur, nicht vielköpfige Versammlungen,sondern von einer Leidenschaft beherrscht und so thatsächlichTräger eines einheitlichen Willens. Was von Opposition sichgeltend machte, wurde vertrieben oder guillotiniert. Zudemvereinigte sich auch hier in wachsendem Mafse die Macht aufWenigen, so dafs man von der Alleinherrschaft kaum noch ent-fernt war. Der französische Konvent wurde zuletzt eigentlichvon drei Männern beherrscht. Wie wenig dagegen unter gewöhn-lichen Umständen eine parlamentarische Versammlung imstandeist, die exekutive Gewalt auszuüben, dürfte aus folgendenErwägungen hervorgehen. Da natürlicherweise nicht alle Mit-glieder persönlich regieren können, so mufs eine Auswahlstattfinden. Ein Ausschufs aus dem Parlamente wird gebildetund ihm die Regierung übergeben. Mit dem Hinschwindender andern Autoritäten und dem Eintritt der Parlaments-herrschaft aber erscheint ein Platz auf der Ministerbank alsdie höchste Ehre des Staates. Es wird daher innerhalb derVersammlung ein allgemeiner Kampf darum entbrennen, wemdiese Auszeichnung zu Teil werden soll. Derselbe Kampfwird um so hitziger werden, je mehr leitende Ideen sich ausder Politik zurückziehen und vom persönlichen Ehrgeiz ersetztwerden. Es tritt ein Punkt ein, wo sich alle Interessen derVersammlung auf jenen Kampf vereinigen, wo es der Hinter-gedanke aller Verhandlungen ist, wie man die gegenwärtigenMachthaber stürzen und sich und seine Clique an ihre Stellesetzen könne. Die Zeit, die man vorgeblicherweise auf dieRegierung der Nation verwendet, wird allein auf die Ent-scheidung der Frage verwendet, wer Herrscher sein soll —und doch ist es nach Carlyle ganz gleichgültig von wem, undallein wichtig, dafs und wie die Herrschaft ausgeübt wird.
Wie beschaffen werden diejenigen sein, welche die Laune
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