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mehrt, aber die Lebenshaltung des Volkes herabdrückt — einausserordentlich wichtiger Wechsel, der in letzter Linie aufCarlyle zurückgeht, und der die Behandlung aller socialerFragen in der ersten und zweiten Hälfte des Jahrhundertsunterscheidet.
Carlyle wird nicht müde, seinen Zeitgenossen zu wieder-holen, dafs die Lage der arbeitenden Klassen gegenwärtigeine so schlechte sei, wie noch nie vorher weder in England oder noch in irgend einem andern Lande. „Man steige indie unteren Klassen hinab, wo man will, in der Stadt oderauf dem Lande, und durch welchen Kanal man will, indemman die darüber vorhandenen amtlichen Erhebungen zu Ratezieht, oder indem man selbst die Augen aufthut und sichumsieht. Stets wird sich dasselbe traurige Resultat ergeben.Man wird nämlich zugestehen müssen, dafs der arbeitendeTeil der reichen englischen Nation in einen Zustand ver-sunken ist oder versinkt, der, wenn man alle Seiten desselbenin Erwägung zieht, buchstäblich noch nie seines gleichen ge-habt hat" 1 . Fälle tiefster Verkommenheit, welche man vonSeiten der Behörde wie des Publikums lieber ganz tot-geschwiegen hätte, hat Carlyle furchtlos ans Licht gezogen.So bringt er z. B. vor das grofse Publikum einen Prozefszu Stockport , in dem sich ergab, dafs Eltern mehrere ihrerKinder nacheinander getötet hatten, um ihr eignes Lebendurch die Zahlungen der Begräbniskassengesellschaft zu fristen.Die Behörden haben damals ein eingehendes Beweisverfahrenverhindert, weil, wie man andeutete, der Fall nicht der einzigeseiner Art gewesen sein dürfte. In den Städten seiner HeimatGlasgow und Edinburg hat Carlyle Scenen des Elends kennengelernt, „wie sie selbst in den barbarischsten Regionen, wo
1 Yergl. Past and Present, Ausgabe von Kretzschmar, S. 3.
v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 14