— 208 -
keinem war es so heiliger Ernst, wie Carlyle, wenn er be-hauptete, dafs es sich hier nicht um eine unter vielen wich-tigen Fragen handele, sondern vielmehr um d i e Frage, welcheheute dem Staate und der Gesellschaft zur Lösung aufgegebensei. „Wenn man nichts zu thun hat", sagt Carlyle, „so liestman in der Morgenzeitung die Parlamentsdebatten; da redendie ehrenwerten Mitglieder über die kanadische Frage, dieirische Ablösungsfrage, die westindische Frage, die Frage desköniglichen Hofstaates 1 , — — kurz über alle Arten vonGegenständen aufser über die eine Frage, die das A und 0von allen ist, und aus der die andern erwachsen: dercondition-of-England question, d. h. die Frage nach derLage und Existenz Englands . Denn die Lage der grofsenMasse des Volkes in einem Lande ist die Lage des Landesselbst" 2 .
Carlyle wird damit der Begründer des Umschwunges inder Gesellschaftsauffassung seiner Zeitgenossen. Er lehrt sie,gegenüber der ungeheuren Entfaltung der Produktion und demAnwachsen des nationalen Reichtums, an diejenigen denken,welche darüber zu Boden getreten und vernichtet werden.Während man früher die Vorzüglichkeit einer Volkswirtschaftnach dem sich ergebenden „Reingewinn" beurteilte (vergl.oben S. 35 bez. Ricardo), hat man seit der Wende des Jahr-hunderts einen andern Mafsstab anlegen gelernt: das Befindender grofsen Masse, der Mehrzahl des Volkes. Man verurteilteine Volkswirtschaft, die zwar das Nationaleinkommen ver-
1 Die von Carlyle hier erwähnte „Queens Bedchamber Question"hatte zum Gegenstand einen Streit darüber, oh es der Königin erlaubt sei,bei einem Wechsel des Ministeriums die Damen ihres bisherigen Hof-staates beizubehalten, oder oh sie denselben nach den Wünschen derneuen Minister umgestalten müsse. Der Fall bietet eine eigentümlicheIllustration der Lage eines Monarchen hei Parlamentsherrschaft.
2 Vergl. Chartismus Kap. I, S. 746.