Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
254
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gerufen, so doch aus ähnlichen Voraussetzungen heraus sichallenthalben ähnliche Anschauungen entwickeln.

Die Eigentümlichkeiten der Goetheschen Weltanschauung,durch welche sie für die Zukunft so bedeutungsvoll erscheint,bestehen einmal darin, dafs sie die nämlichen grofsen Zügean sich trägt, welche, wie oben gesehen, die philosophischeBewegung Deutschlands überhaupt zeigt: sie ist einmal posi-tivistisch und sodann positiv.

1. Goethe steht außerhalb des Bereiches der spekulativenPhilosophie, welche bis um die Wende des Jahrhundertsziemlich unbeschränkt herrschte. Er hat nie versucht, über-kommene Glaubensvorstellungen verstandesgemäfs zu beweisen.Jede Spekulation lag ihm fern; jede Bemühung, hinter oderüber der Welt der sinnlichen Erfahrung weitere Gebiete derErkenntnis aufzuschliefsen, schien ihm unfruchtbar. Er hatnie über das Denken nachgedacht", d. h. nie versucht sichals Subjekt über das Subjekt zu erheben. Daher seine Vor-liebe für die exakte Naturwissenschaft, welche bereits ammeisten von allen Wissenschaften die metaphysischen Begriffeabgestofsen hat ein Prozefs, welcher heute das Gebiet dergesamten Wissenschaft ergreift.

Des weiteren zeigt sich Goethes positivistischer Stand-punkt aber darin, dafs er der auf ihrem Gebiete ausschliefs-lich gültigen, erfahrungsmäfsigen Erkenntnis keinen absolutenWert einräumt. Ist es doch gerade der Grundgedanke desFaust, dafs es für den Menschen nicht das höchste sei, das Allmit seinem Verstände zu umspannen. Gerade das Bestreben, dieErde zu verlassen und sich zu einer gottesgleichen Höhe derErkenntnis zu erheben, bringt vielmehr über Faust die Qualentiefster Zerrissenheit. Durch ein langes und vielverschlungenesLeben, in welchem alle diejenigen äufseren Momente auf ihneinstürmen, die überhaupt heute für den sich entwickelnden