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von hieraus gelangte er, wie tiefere Naturen überhaupt, zujener Stimmung der Verzweifelung, in die er tief hinabtauchte,und die ihn sogar dem Gedanken des Selbstmords nahebrachte. Ein Denkmal dieser ersten skeptischen Periode inGoethes Leben ist hauptsächlich der „Werther", dessen Grund-stimmung, wie Carlyle hervorhebt, noch nirgends in Europa veraltet ist, die in Byron wieder auflebte und heute in ver-änderter Form als moderner Pessimismus die Massen ergreift.Im Laufe seiner Entwicklung aber hat Goethe diesen Stand-punkt verlassen; unter schweren inneren Kämpfen gelangt erallmählich zu einer Denkweise, die der seiner Jugend durch-aus entgegengesetzt ist. Sie trägt vielmehr alle Merkmale,die einer positiven Zeitrichtung eigen zu sein pflegen, ohnejedoch einen Rückfall in vergangene Anschauungen zu be-deuten.
Wenn jene erste Periode in Goethes Leben als die„skeptische" bezeichnet werden kann, so nennt Carlyle dieseletzte Periode die „christliche" L Für Carlyle besteht dieBedeutung Goethes darin, dafs er, der ursprünglich pessi-mistisch und revolutionär gestimmt war, sich zu einem Stand-punkt durcharbeitete, von dem aus ihm die Welt „nicht nurerträglich, sondern voll von Erhabenheit und Lieblichkeit"erschien, von dem aus er „die Schärfe und den Witz einesVoltaire mit der Ergebenheit eines Fenelon" vereinigte 2 .Also die Weltanschauung des alten Goethe ist es, welcher Car-lyle jene oben besprochene vorbildliche Bedeutung beilegt —gewifs nicht zu Unrecht, wenn man bedenkt, durch wie un-zählige Kanäle Goethesche Gedanken unserem Geschlechte ver-mittelt wurden, wie ferner, wenn nicht von Goethe hervor-
1 Vergl. Miscellaneous Essays IV, S. 160 ff.
2 Miscellaneous Essays I, S. 247.