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vorhergehenden Kapitel bereits hervorgehoben, wie sehr dieseAnsichten Goethes mit dem Standpunkt der heutigen Wissen-schaft übereinstimmen, die einmal nur erfahrungsmäfsige Er-kenntnis als solche anerkennt, sodann aber diese Erkenntnisals zum Zweck des Daseins entwickelt und dalier nur alsrelativ ansieht.
2. Zum zweiten aber ist Goethe positiv, d. h. von denpositivistischen Voraussetzungen aus ist seine Weltanschauungnicht materialistisch und utilitarisch, sondern idealistisch undreligiös. Wie wenig ihm einerseits ein Buch wie das Jacobis„von den Göttlichen Dingen" „wohl machte", so sehr ist erdoch andererseits von der Herrschaft der materialistischen Auf-klärung freigeblieben. Schon in seiner Jugend, so erzählter, seien die Lehren der französischen Encyklopädisten ihm„greisenhaft" vorgekommen. Wie wissenschaftlich er immerdie Natur betrachtete, wie sehr ihm jede Einmischung meta-physischer Wesenheiten in die durch die Erfahrung fest-gestellten Erscheinungen widerstrebte, so konnte er doch dieNatur nicht absolut denken, sondern nur in Beziehung aufeine jenseitige, dem Gebiet der Erkenntnis entrückte Welt.Die Natur war ihm die „Gott-Natur". Diese Anschauungstand ihm so unverbrüchlich fest, dafs er dieselbe bei Ge-legenheit der Besprechung eben jenes Jacobischen Buches für„den Grund seiner ganzen Existenz" erklärte. Es ist hiernicht der Ort, die Fülle von Ansprüchen anzuführen, in denenGoethe die soeben bezeichnete Anschauung ausspricht 1 . Da-
1 Erinnert sei hier allein an jene für ihn ebenso bezeichnende wiemerkwürdige Geschichte, die Eckermann anführt (Gespräch vom 29. Mai1831). Derselbe erzählt, dafs ihn die elterliche Liebe einer Grasmücke,welche in die Gefangenschaft freiwillig zurückkehrte, um ihre Jungen zufüttern, innig gerührt habe. Er habe sein Erstaunen darüber Goethe ge-äufsert, dieser aber habe lächelnd erwidert: „Närrischer Mensch, wenn