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gegen widerstrebte ihm jeder Versuch, mittelst der Spekulationin das Jenseits sich zu schwingen. „Wer darf ihn nennen,und wer bekennen: ich glaub' ihn" 1 ?
Diese soeben vorgetragene Auffassung, welche mit einerklaren, entwicklungsgeschichtlichen Natur- und Weltbetrach-tung in keinem Widerspruche steht, hängt auf das engstezusammen mit Goethes ethischer Grundüberzeugung. Dieseletztere, wie sie in seinen späten und reifen Werken zumAusdruck kommt, so besonders in den Wanderjahren, demFaust, den Sprüchen in Prosa und den Gesprächen mit Ecker-mann ist durchaus antiutilitarisch. Wenn die Nützlichkeits-philosophie behauptet, es sei das Ziel alles menschlichenHandelns, so viel als möglich die Summe des individuellenLeidens zu mindern und die der individuellen Lust zu er-höhen, so sieht Goethe dem gegenüber im Leiden nichts ver-abscheuenswertes, sondern ein „Fordernis des Heiligen", dasman verehren und liebgewinnen müsse 2 . Wie ihm das Lebenein stetes und schweres Kämpfen erscheint, und jeder Tag „eineBresche, die viele Menschen erstürmen", so ist er selber ein
Ihr an Gott glaubtet, so würdet Ihr Euch darüber nicht verwundern".Liegt doch eben in dem Siege der Liebe über den Selbsterhaltungstrieb,hier wie überall, etwas durch den Verstand unauflösliches. Dieses un-auflösliche pflegte Goethe auch als das dämonische in der Welt zu be-zeichnen; er sah es überall wirksam, aber in grofsen Menschen mehr alsanderswo. Ganz ähnlich Carlyle.
1 Wo Goethe von den göttlichen Dingen redet, spricht er nicht inBegriffen, sondern Bildern. So lebt jenes uralte Bild, das sich bereitsin der indischen Mythologie findet, von der Welt als „dem lebendigenKleide der Gottheit" für ihn wieder auf. So wurde ihm alles Vergäng-liche seiher zum Gleichnis, und gerade, um dies anzudeuten, mochtenihm jene pantheistischen Anklänge, wie sie sich häufig hei ihm finden,sich geeignet erweisen.
2 Wandeijahre II, Kap. 1.
v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 17