Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
259
Einzelbild herunterladen
 

259

altruistisch motivierende Ideen in ihm lebendig sein. DieHingabe an solche ist das wichtigste für den Menschen, zu-gleich dasjenige, was ihm nicht angeboren wird, sondern waser durch das Leben erwerben mufs. Goethe bezeichnet sieunter dem Namen derEhrfurcht" denn was ist dieseanderes als die Hingabe der Menschen an geglaubte, überihm stehende Werte und sieht in derEhrfurcht" dieeigentlich moralische Grundstimmung, aus der allein allessociale Thun herfliefst. Durch die Religionen ward nachGoethe die Ehrfurcht dem Menschen vermittelt, und zwarim letzten und höchsten Mafse durch das Christentum. Mögennun auch die Glaubensvorstellungen, welche den Gegenstandder Ehrfurcht darstellen, wechseln, ja als gesonderte Begriffeschwinden, immer bleibt als notwendige Voraussetzung jenermoralischen Disposition des menschlichen Willens die Be-ziehung der sinnlichen Welt auf ein Übersinnliches, d. h. derGlaube 1 .Alle Epochen", sagt Goethe in einer berühmt ge-wordenen Stelle,in welchen der Glaube herrscht, sindglänzend, herzerhebend für Mitwelt und Nachwelt. AlleEpochen hingegen, in welchen der Unglaube, in welcher Formes auch sei, einen kümmerlichen Sieg behauptet, und wennsie auch einen Augenblick mit einem Scheinglanze strahlensollten, verschwinden vor der Nachwelt, weil sich niemandgern mit der Erkenntnis des Unfruchtbaren abquälen mag."

1 Hierin liegt der Grundunterschied zwischen Goethe und Carlyleeinerseits und Comte andererseits. Alle drei sind Positivisten und Ver-teidiger einer antiindividualistischen Moral. Die ersten beiden jedochhalten die letztere für unmöglich ohne Bejahung überindividueller, alsotranscendenter Werte, Comte dagegen setzt als Ziel des altruistischenWollens dieMenschheit" , ohne sich bewufst zu werden, dafs er hiermitderselben ebenfalls einen dem Verstände unbeweisbaren, auf Glauben be-ruhenden Wert beilegt. Über die Stellung H. Spencers vergl. Kap. VSchlufsanm.

17*