Jene gläubigen Perioden sind die des socialen Handelns, dieungläubigen die des Individualismus; in den ersten verhältsich der Mensch thätig, in den letzteren theoretisierend —alles Gedanken, an welche die Carlyleschen stark anklingen,so folgendes aus den Gesprächen mit Eckermann: „Alle imRückschreiten und in der Auflösung begriffenen Epochen sindsubjektiv, dagegen haben aber alle fortschreitenden Epocheneine objektive Richtung. Unsere ganze jetzige Zeit ist einerückschreitende, denn sie ist eine subjektive. — — Jedestüchtige Bestreben wendet sich aus dem Innern hinaus aufdie Welt, wie Sie an allen grofsen Epochen sehen, die wirk-lich im Streben und Vorschreiten begriffen und alle objektiverNatur waren". (Gespräch vom 29. Januar 1826.) Bemerktsei noch, dafs jene Fähigkeit „die allgemeinen Begriffe" auf-zufinden, welche Taine in der S. 105 angeführten Stelle alseigentümlichen Vorzug der deutschen Philosophie hervorhebt,mit dem, was Goethe die objektive Richtung einer Zeit nennt,zusammenzufallen scheint.
Beide, Carlyle wie Goethe, empfanden also den negativenCharakter der Zeit, in welcher sie lebten — einer Zeit, die„das schlechte zu tadeln, aber nicht das gute zu thun",die „einzureifsen aber nicht aufzubauen" verstehe. Beide,Goethe in noch höherem Grade als Carlyle, sehen trotzdemhoffnungsvoll vorwärts. Man vergegenwärtige sich die harmo-nische Persönlichkeit Goethes, um zu wissen, dafs für ihn dieZukunft mit dem Fortschritt unlöslich verbunden war. Wiehätte er sonst überhaupt eine Utopie der Gesellschaft schreibenund dieselbe in die Zukunft verlegen können, wie hätte erden Vertreter des modernen Menschen, Faust nach langenIrrfahrten endlich doch der Erlösung zuführen können? DieGewähr für die Zukunft fand er in dem, was er Religion undChristentum nannte, mit welchen Worten er allerdings einen