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1 (1890)
Entstehung
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weiteren Begriff verband als den gemeiniglich gebrauchten 1 .Nicht nur dafs die christliche Religionnach den gröfstenVerirrungen, in welche sie der dunkle Mensch hineinzog, eheman sichs versieht, sich in ihrer ersten lieblichen Eigentüm-lichkeit, zu Erquickung des sittlichen Menschen-bedürfnisses , immer wieder hervorthut" 2 , in ihr hat dieMenschheit auch eine Höhe erreicht, von der sie nicht wiederzurück kann. Goethe drückt dies dahin aus in jener be-kannten Stelle der Wanderjahre:Man darf sagen, dafs diechristliche Religion, da sie einmal erschienen ist, nicht wiederverschwinden kann, da sie sich einmal göttlich verkörpert hat,nicht wieder aufgelöst zu werden vermag" 3 . Wie nun inden Wanderjahren die Religionen, und insbesondere die höchstevon ihnen, die christliche, jenes Geschlecht der Zukunft zurEhrfurcht" erziehen, so erblickt Goethe in ihnen die Quelle,aus der die Menschheit Kraft zu neuem socialen Leben undAufbau schöpfen wird, um den Einzelnen wieder dahin zubringen, sich, wie er es ausdrückt,zum Organ zu machen".

Wenn augenblicklich die negativen Mächte die Oberhandzu gewinnen scheinen, so beruht dies im Grunde darauf, dafswir uns augenblicklich in einem Übergangszeitalter befinden.Wenn nämlich die Menschheit den metaphysischen Zustanddes Denkens nunmehr endgültig abstreift, so kann auch dasChristentum nicht länger in Formen verharren, die jenerPeriode angehören. Während früher die dogmatische Fassung

1 Man vei'gl. hierzu jenes stolze Wort aus den Gesprächen mitKanzler v. Müller (S. 138):Wer ist denn heutzutage ein Christ, wieChristus ihn haben wollte? Ich allein vielleicht, ob ihr mich gleich füreinen Heiden haltet".

2 Westöstlicher Divan, Noten zu Mamud Gasna.

3 Buch II, Kap. 1. Yergl. des weiteren die oben citierte Stelle ausdem Gespräche Goethes mit Eckermann vom 11. März 1832.