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Idee einer höheren Einheit des Guten und Schönen eingehenmüssen — Anschauungen, denen Carlyle unzugänglich war,weil der finstere und strenge Geist seiner puritanischen Vor-fahren nie völlig die Herrschaft über ihn verlor. Unsere' Aufgabe war vielmehr die, Carlyles Urteil über Goethe zu
begründen. Ausgehend von einer Einteilung aller mensch-lichen Geschichte in positive und negative Zeiten, hatteCarlyle der Gegenwart einen durchaus negativen Cha-rakter beilegen zu müssen geglaubt. Dem gegenüber warihm die Erscheinung Goethes das tröstlichste Zeichen derZeit. Schien sich doch wieder eine positive Zeit anzukündenin jenem Manne, dessen Denken modern und dabei gläubigwar und hoch über jener Aufklärung stand, die sich auf denGassen des Besitzes der Zukunft rühmte. Von diesem Gesichts-punkte aus wird das folgende , Carlyles Stellung zu Goethe zusammenfassende Urteil verständlich 1 .
„So stellt sich von unserm Gesichtspunkte aus Goethe alsder Vereiniger und siegreiche Versöhner der zerfahrendsten,widerstreitendsten Elemente des zerfahrensten und zerrissenstenZeitalters dar, welches die Welt seit der Einführung der christ-lichen Religion gesehen, mit welcher alten chaotischen Ärader Weltkonfusion und Weltrefusion, der schwärzesten Finster-nis, auf welche das Dämmern eines hohen und himmlischenLichtes folgte, diese unsere jetzige wunderbare Ära in derThat auch oft verglichen wird. Für das gläubige Herz aberdarf keine Ära eine verzweiflungsvolle sein! Es liegt stetsim Wesen der Finsternis, dafs ein neues edleres Licht darauffolgt, ja dafs sie ein solches erzeugt. Die Leiden und Wider-sprüche einer atheistischen Zeit, einer in Lasterhaftigkeit undi Unglauben versunkenen Welt, worin physisches Elend und
1 Miscellaneous Essays I, S. 47.