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stätigen, wie sehr Carlyle vom Staatssocialismus ent-fernt war.
Das Gewissen seiner Zeitgenossen wachzurufen, es nichtim Mammons- und Phallusdienst ersterben zu lassen, dasschien Carlyle die Aufgabe seines Lebens — eine höchsttraurige und widerwärtige Aufgabe, welche ihm den Berufeines Schriftstellers aufgezwungen hatte, dem er weniger ge-neigt war als jedem andern. Glücklicher wäre er, wie erannahm, als einfacher Arbeiter oder Pächter in seinem Hei-matdorfe geworden. Aber wie hätte er sich einer Aufgabeentziehen können, die ihm, wie er meinte, von oben ge-worden war, die Wahrheit auszusprechen, dal's eine Gesell-schaft, in der die Selbstsucht an Stelle der Selbstverleugnungtrete, dem Untergange verfallen sei. „Er und der heiligePaulus", sagt Froude, „(denn ich weifs nicht, von wem sonstdasselbe gesagt werden kann) schrieben, als gingen sie miteiner über alles wichtigen Idee schwanger, von der sie untervielen Leiden und Arbeiten erlöst zu sein wünschten."
Wenn Carlyle den besitzenden Klassen ihre Pflichten gegen-über den minderbegünstigten ins Gedächtnis rief, so warendas Worte eines Mannes, der allem Selbstinteresse entsagthatte, und dessen Leben in einer Idee aufging. Daher dieWucht und die Eindringlichkeit seiner Mahnungen. „Dieeine auserwählte Klasse", sagt Carlyle, „ist durch die Ge-sellschaft mit Reichtum, Einsicht, freier Zeit ausgestattet:allen äufseren und inneren Mitteln zur Herrschaft. Dieandere riesige Klasse, die mit nichts von alledem aus-gestattet ist, erklärt, dal's sie regiert werden mufs. Das Ne-gative steht gegenüber dem Positiven; wenn das Negativeund das Positive sich nicht vereinigen können, so ist es fürbeide ein Unglück. Unzählige Dinge könnten unsere oberenKlassen und Gesetzgeber thun; aber die Vorbedingung von