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Gehen wir zu der Rolle über, welche Carlyle demStaate anweist, so sehen wir ihn auch hier weit davon ent-fernt, irgend welche Mafsregel als das Universalmittel gegenalle Leiden hinzustellen; eine allgemeine Vorschrift für dieZukunft aufzufinden geht über den Verstand des Einzelnen.Was dem einzelnen wie dem Staate allein übrig bleibt, isteine Politik von Fall zu Fall, getragen durch Erkenntnis undAnerkennung der unumstöfslichen Thatsachen der Zeit.
Praktischen Sinnes wendet sich Carlyle nicht an denStaat in abstracto, sondern an den heimischen Staat der Ge-genwart, so wie er ihn vor Augen hatte. Das Armengesetzvon 1834, mit dem man den Pauperismus hatte brechenwollen, war von diesem vielmehr selbst durchbrochen worden.Das Princip, auf dem es beruhte , das der ausschliefslichen„Indoor relief" d. h. Unterstützung im Arbeitshause, war manaufzugeben gezwungen worden — man hätte denn ganz Irland inein riesiges Arbeitshaus verwandeln wollen. Nicht auf diesemWege, sagt Carlyle, wird man irgend etwas erreichen, wiedie „wissenschaftlichen Staatsmänner" jener Zeit meinten.Wenn der Staat wirklich etwas thun wolle, so sei Vorbe-dingung hierzu, dafs er zuvor endgültig mit jenen national-ökonomischen und politischen Theorien breche, welche ihn zurScheinexistenz verdammten: „Der britische Staat", sagt Car-lyle, um die Krone und der Schlufsstein unserer britischensocialen Existenz zu sein, mufs mit einer Wahrhaftigkeit, dieihm lange fremd geblieben ist, die thatsächlichen Gegenständeund unabweislichen Bedürfnisse unserer socialen Existenz an-erkennen." Statt dessen aber sieht er einen Staat vor sich,der „kaum weifs, wozu er da ist, auf welchen Grund hin erin diesem Jahre 1850, in einer so aufserordentlich ernstenLage wie der unseren überhaupt auf Existenz einen Anspruch