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Dem gegenüber verneint Pusey die Selbständigkeit desEinzelnen. Die unmündige Menschheit wird nach ihm vonder Kirche in der Weise geleitet, wie es das Bibelwort:„Weide meine Lämmer" andeutet. Sie ist „die Mutter un-serer Aller" b Sie allein vermittelt den wahren Glauben undverwaltet jene geheimnisvollen Heilsmittel der Sakramente,von denen allein der Christ das Heil zu erwarten hat 2 .
Aus dieser Anschauung, welche die sichtbare Kirche ge-wissermafsen als die Vertreterin Gottes auf Erden anerkennt,folgt unmittelbar die Verpflichtung ihrer Diener, der Geist-lichen zu einem Leben besonderer Heiligkeit. Daher dieNeigung der Puseyisten zur Ascese, die Vorliebe für die Ehe-losigkeit der Priester und das mittelalterliche Mönchstum.Während Maurice und Kingsley zu der evangelischen KircheDeutschlands sich hingezogen fühlen, betrachten die Puseyistendieselbe als ein Christentum, das es „zu keiner Kirche ge-bracht hat", dem daher die Möglichkeit, das Heil zu ver-mitteln, fehlt. Dagegen erklären sie sich der römisch-katho-lischen Kirche nahe verwandt, wie denn Newman später alsKardinal Newman bekannt wurde. Die Verhältnisse des Staa-tes und der Gesellschaft haben für den Puseyismus gegenüberden jenseitigen Interessen des Menschen wenig Bedeutung.Sociale Reform kann nicht auf dem Programm einer Richtung
1 Vergl. Dr. Pusey, Sendschreiben an den Erzbischof von Canterbury,Oxford 1842.
2 Wie weit die Puseyisten bierin gingen, zeigen folgende von demdamals noch als Anbänger Puseys geltenden "Vikar von St. Mary zuOxford, J. H. Newman aufgestellten Sätze: 1. Der einzige Weg des Heilsist die Teilnahme an dem Fleische und Blute unseres geopferten Er-lösers. 2. Das von ihm dazu bestimmte Mittel ist das Sakrament desAbendmahls. 3. Die Sicherheit für die Fortdauer und richtige Anwen-dung des Sakraments ist der apostolische Auftrag der Bischöfe und unterdiesen der Presbyter der Kirche.