Was dem modernen Menschen fehlt, ist also die Über-einstimmung seiner wissenschaftlichen Überzeugungen undseiner Gefühlswelt, welche in einer geordneten und plan-mäfsigen Thätigkeit ihren Ausdruck finden würde. Einesolche Lehensauffassung aber, welche alle Fähigkeit desMenschen: Denken, Fühlen und Handeln durch Unterordnungunter einen aufserhalb des Individuums befindlichen Zweckin Harmonie setzt, hat man zu allen Zeiten als „Religion"bezeichnet. „Sie ist", wie Comte in seinem Katechismusdes Positivismus sagt, „der Zustand vollkommener Ein-heit, welcher unser persönliches sowohl als unser socialesDasein auszeichnet, wenn alle seine physischen wie mora-lischen Bestandteile einer gemeinsamen Bestimmung zustre-ben. Da eine solche individuelle wie kollektive Harmonieunter so verwickelten Existenzbedingungen wie die unsrigensind, unmöglich vollständig verwirklicht werden kann, so stelltdiese Definition der Religion den unwandelbaren Typus dar,dem uns die Gesamtheit menschlicher Anstrengungen immernäher und näher zu bringen hat. Unser gröfstes Glück wieVerdienst besteht hauptsächlich in der Annäherung an dieseEinheit, deren allmälige Zunahme den besten Mafsstab deswirklichen persönlichen wie gesellschaftlichen Fortschritts bil-det." Religion umfafst demnach den ganzen Menschen, sie ist„coextensive with life". Sie bringt das Denken in Überein-stimmung mit den Gefühlen und giebt beiden einheitlichenAusdruck im Handeln. Sodann aber vereinigt sie Menschenzu Gemeinsamkeiten der Gedanken, der Gefühle und derHandlungen; sie schliefst so die Einzelnen zu socialen Ganzenzusammen und beherrscht das gesamte Leben der Gesell-schaft. Dergestalt war die Religion in allen wirklich reli-giösen Zeiten: unter den grofsen Theokratien des Ostens,unter Moses und den Propheten, im frühen Griechenland und
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2 (1890)
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9
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