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2 (1890)
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herrschen und ordnen sollte, das Denken sowohl wie dasHandeln.

Dies wenigstens, sagen die Positivisten, gelte von der pro-testantischen Form des Christentums, die sich jedem Wechselder Verhältnisse anpasse,weich und gestaltlos wie der Mor-gennebel". Die römisch-katholische Kirche dagegen gestehtihre Unvereinbarkeit mit der gesamten modernen Kultur offenein. Für die Entdeckungen der Wissenschaft hat sie nichtsals den Syllabus, für die industrielle Entwicklung der Gegen-wart, welche mehr als alles andere nach einer organisieren-den Macht ruft, hat sie nichts als die Lehre von Schlechtig-keit des Diesseits und den Rat asketischer Weltflucht. Siegleicht einermajestätischen Ruine, welche fest und unver-änderlich bleibt, weil die leiseste Veränderung sie in Staubwerfen würde".

Freilich noch ist die Entwicklung in allen Kreisen nichtgleich weit vorgeschritten. An alle diejenigen, welche demAlten noch irgendwie innere Befriedigung und den Antriebzu selbstlosem Handeln verdanken, wendet sich der Positi-vismus nicht. Er ehrt vielmehr jede Überzeugung, gleichviel, welche es sei, wenn sie nur imstande ist, den Triebender Selbstverleugnung über die der Selbstsucht den Sieg zuverschaffen. Ganz verschieden von dem Materialismus derihm vorausgehenden Aufklärung sieht der Positivismus in denStiftern und Heiligen der Religionen, insbesondere des Chri-stentums, die Wohlthäter der Menschheit; sie allein bisherwirkten wahrhaft konstruktiv und sind daher die Gröfsten derVergangenheit.

Aber neben jenen Kreisen stehen heute und wachsenmehr und mehr an Bedeutung andere. Der Positivismuswendet sich aussehliefslich an diejenigen, welche einSystemdes Lebens" nicht mehr besitzen, an die Männer der Wissen-