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Herabdrückung der grofsen Mehrzahl der Menschen zum Elend,haben Engels und Marx Carlyle entnommen. Jedoch haltensie sich an der Oberfläche und folgen Carlyle nicht bis zuseinem Grundgedanken, welcher eine Aufhebung des Indivi-dualismus bedeutet. Vielmehr behalten sie die Weltanschau-ung der von ihnen bekämpften Gesellschaftsordnung und da-mit die aus ihr herfliefsende klassische Nationalökonomie bei,woraus jene Zwitterbildung entspringt, welche als modernerSocialismus bezeichnet wird. Gerade dieser Eigenschaft ver-dankt er seine Volkstümlichkeit, die heute von keiner ande-ren Richtung in gleicher Weise geteilt wird.
Innerlich besteht ein tiefer Gegensatz zwischen Carlyleund sämtlichen bisher behandelten Denkern einerseits und demSocialismus andererseits. Der Socialismus verwirft zwar das Sy-stem des freien Wettbewerbs (competition), welches die klassi-sche Nationalökonomie empfahl, aber er behält die Grundlagederselben bei: das lediglich von egoistischen Trieben bewegte,nur dem Erwerbstrieb und dem Geschlechtstrieb gehorchendeIndividuum. Der Socialismus ist insofern die Fortsetzung derklassischen Nationalökonomie. Er ist zwar Gegner des Systemsder individuellen Konkurrenz, d. h. um den englischen Ausdruckzu gebrauchen, „anticompetitionist", aber individualistischin seinen Grundgedanken und utilitarisch in seinem Ziel, wel-ches für ihn „das höchste Glück der gröfsten Menge" bleibt.Carlyle wie Comte hatten demgegenüber behauptet, dafs diemenschliche Gesellschaft gerade darauf beruhe, dafs jenen in-dividualistischen Beweggründen durch sociale die Wage ge-halten würde, dafs es Zeiten der Auflösung seien, in denenwie heute der Individualismus entfesselt werde, um späterwieder durch neue, wirksamere, weil freiwilligere Schrankenzurückgehalten zu werden, welche Carlyle „neue Glaubens-formen", Comte „die Religion der Menschheit" nennt. Die