Druckschrift 
2 (1890)
Seite
171
Einzelbild herunterladen
 

171

Die Gilde des heiligen Mathäus steht in engen Beziehungenmit den übrigen socialistischen Gesellschaften und sucht unterderen Anhängern durch zahlreiche Predigten und Vorlesungenihre Ansichten zu verbreiten. Besuchen wir eine dieser Pre-digten; es offenbart sich hier eine Eigenheit des englischenWesens. Bei uns pflegen gerade radikale Richtungen dassie von anderen Trennende betonen; dort dagegen sehenwir Vereinigung unter Hervorkehrung des gemeinsamen Ziels,was eine Abschleifung von Übertreibungen und Ersatz ex-tremer Forderungen durch praktisch-politische Bestrehungenzur Folge hat.

In einer kleinen Kirche Ost-Londons predigt ein Geist-licher christlich-socialistischer Färbung. Er kam auf Ein-ladung des radikalen Bezirksvereins. Die Mitglieder diesesVereins, sowie die des Zweigvereins der socialdemokratischenFederation ziehen in geordnetem Zuge herbei; die Kirche istbald bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Prediger zeigtunter Belegung mit Bibelstellen, wie die WorteFreiheit,Gleichheit, Brüderlichkeit" nicht neu, sondern das Evange-lium des Herrn Jesu seien.Das Jerusalem in der Höhe istfrei, welches die Mutter unser aller ist." Da aber die Arbei-ter ohne Verbündung nicht frei sein können, so fordert derPrediger, sofort auf das praktische Gebiet übergreifend, ge-werkvereinliche Organisation auch der ungelernten Arbeiter.Die Forderung der Gleichheit belegt der Prediger mit denoben angeführten Stellen, da Christus den Reichtum verdammtund Beseitigung der Armut verlangt. Darin aber, dai's erdie letzte Forderung, die der Brüderlichkeit, als die höchsteund die Bedingung der andern darstellt, zeigt sich der reli-giöse Grundton dieses Socialismus.In einem Geiste seidihr alle getauft zu einem Körper." Aber diese innerlicheBedingung des christlichen Ideals hintenansetzend, wendet