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2 (1890)
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sich der Prediger dein Gebiete der Politik zu, welche imchristlichen Sinne jene aufgestellten Ziele befördern solle.Auch sie müsse der Gegenstand von Predigten sein; oderhabe Gott keinen Anteil an der Politik und überlasse er siedem Teufel? Der Socialismus sei es, der für die Religionder Brüderlichkeit, die Christus zum Leitstern des mensch-lichen Lebens erhoben habe, heute auch das Gebiet der Politikin Anspruch nehme 1 . Die Zuhörerschaft folgt mit Aufmerksam-keit; aber äufsere Zeichen des Beifalls werden nicht an demheiligen Orte, sondern erst auf der Strafse laut, als derGeistliche nach beendetem Gottesdienst die Kirche verläfst.Eigentümlich ist überhaupt, wie allenthalben radikale undsocialistische Vereine den Bemühungen der christlichen Socia-listen entgegenkommen, auch radikale Zeitungen, z. B. derStar", sie begünstigen. Es scheint fast, als ob der Socialis-mus, wie er einmal, um in England Verbreitung zu finden,auf den Boden des bestehenden treten, so andererseits sichdort christianisieren müsse.

Dies beweist noch mehr die andere Seite der christlichsocialistischen Propaganda, welche sich auf die geistlichenAmtsbrüder bezieht, und um so mehr Boden gewinnt, als, wiewir sahen, die Kirche zur Verteidigung gegen den radikalenVorschlag der Entstaatlichung an dem radikaleren SocialismusInteresse hat. Viele kirchliche und religiöse Zeitungen habenihre Spalten Besprechungen des Socialismus in durchausfreundschaftlichem Tone geöffnet, so z. B. die Church Times,

1 Der Grundgedanke einer andern christlich-socialistischen Predigtwar z. B., dafs das Christentum als Kulturmacht erst Kapitalbildungherbeigeführt und damit auch die Aufgabe habe, die daraus entspringendeUngleichheit und Unterdrückung des Armen zu beseitigen. Der Geist-liche, Rev. A. Rowlands, schlofs in sein Gebet den deutschen Kaiser,dessen Erlasse jüngst erschienen waren.