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2 (1890)
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Geschichte des Jahrhunderts von unglücklichen Lohnkämpfenerfüllt, welche durch Elend und Niederlagen dem Arbeiterdas Vorhandensein jenes von ihm unabhängigen Maximumsder Löhne aufdrängten. In gleicher Richtung wirkte die fort-schreitende geistige Hebung des Arbeiters, die wachsendeEinsicht in die Lage seiner Industrie, besonders wenn zudiesem Zweck eigene Beamten von den Gewerkvereinen an-gestellt wurden, sowie die Gewohnheit mit den Arbeitgeberndurch Gründe und Gegengründe über die Arbeitsbedingungenzu verhandeln. Die Arbeiter lernten die Grenzen ihrer Forde-rungen erkennen, statt erst durch mifsglückte Ausstände ihreUndurchführbarkeit zu erfahren; sie lernten sich mit demmöglichen zu begnügen und selbst Lohnherabsetzungen, wennunabwendbar, über sich ergehen zu lassen. Ein fortgeschrittenerArbeiterstand fordert nur das, was er, alle wirtschaftlichenund politischen Verhältnisse des Augenblicks überschlagen,durchzusetzen stark genug ist. Dies ist z. B. auch die wieder-holt ausgesprochene Ansicht des John Burns.

Soweit es sich um die Anerkennung dieser beiden Seitengesetzten Grenzen handelt, kann man in der That von einerbeschränkten Interessengemeinschaft zwischen Arbeitergeber undArbeiter reden. Verkannte der Arbeitgeber ursprünglich, dafser durch Herabdrückung der Löhne unter einen gewissen Punktdie vorhandene Menge der nationalen Arbeitskraft und Arbeits-fähigkeit vermindere und damit sich selbst schädige, so istheute, wie die industriellen Schiedsgerichte zeigen, das Rechtauf das Lebensminimum der Arbeiter auch seitens der Ai - -beitgeber anerkannt. Die andere Seite der beschränktenInteressengemeinschaft besteht in der Anerkennung und Beob-achtung des ihren Forderungen gesetzten Maximums seitens derArbeiter. Was dagegen innerhalb dieser Grenzen auf Lohn undwas auf Gewinn kommt, entscheidet die Machtfrage, ist Inter -

v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 17