Druckschrift 
2 (1890)
Seite
272
Einzelbild herunterladen
 

272

sich ans folgenden Gesichtspunkten. Der geistige Besitzder Menschheit, wie er von Geschlecht zu Geschlecht ge-händigt wird, war früher ein Erbteil Weniger. Man denkean die antike Welt, deren Errungenschaften auf wissen-schaftlichem, künstlerischem und dichterischem Gebiet nurwenigen Vollbürgern zu Gute kamen. Seit der Renaissancevollzieht sich auf diesem Gebiete ein Demokratisierungsprozefs,indem jener immaterielle Besitz, welcher die europäische Kultur-gemeinschaft ausmacht, mehr und mehr ein Gemeingut wird.Immer neue Kreise drängen von unten zur Teilnahme heran.Seit Entstehung des industriellen Arbeiters insbesondere hatsich dasBedürfnis zu denken", wie es Jules Simon nennt,auch in den untersten Schichten der Gesellschaft verbreitet,die früher in der Gedankenlosigkeit gewohnheitsmäfsiger Ab-hängigkeitsverhältnisse dahinlebten. Nicht überall zwar istdieses Bedürfnis bei den arbeitenden Klassen erwacht, wohlaber zunächst in den grofsen Mittelpunkten der gewerblichenBewegung Europas, Amerikas und Australiens . Diesem stetswachsenden Ansturm Halt zu gebieten, ist unmöglich. Dereinzig sichere Plan scheint vielmehr, die Thore so weit alsmöglich aufzuwerfen, Einlafs zu gewähren und so aus jenenKindern der Zukunft, statt Feinden und Zerstörern, Träger,Fortsetzer und Verteidiger der alten Erbschaft zu machen,welche das höchste umschliefst, was die Menschheit besitztein Verfahren, das dem Mittelpunkte jener Kultur, demChristentum, jedenfalls besser entspricht als das entgegen-gesetzte. In der That benutzt ein fortgeschrittener Arbeiter-stand, wie der englische, die gewonnene Zeit zur Fortbildungin Volksbibliotheken und Abendklassen aller Art oder zurFörderung seines Vereinslebens, d. h. zur Ausbildung seinergeistigen und wirtschaftlichen Selbständigkeit 1 .

1 Vergl. über den Gebrauch, den die englischen Arbeiter von den