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2 (1890)
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Die Verkürzung der Arbeitszeit ist aber auch noch auseinem anderen Gesichtspunkt die berechtigtste der Forderungendes Arbeiters. Das Familienleben, diese erste Schule allerSittlichkeit, bleibt demjenigen verschlossen, der erst zu späterNachtzeit todmüde in sein Heim zurückkehrt 1 . Wundert mansich über staatsfeindliche Gesinnung, wenn man das zer-schneidet, was bei den Besitzlosen mit dem Bestehenden ver-bindet: die Familie? Mit der Verkürzung der Arbeitszeit hatsich das Familienleben der englischen Arbeiter bedeutend ge-hoben, das in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts derAuflösung nahe war.

Diese Erwägungen berühren in erster Linie allerdingsnur die öffentliche Meinung und den Gesetzgeber. Für denArbeitgeber kommt in Betracht, dafs eine allmähliche Ver-kürzung der Arbeitszeit auf die geistigen Fähigkeiten unddamit die Arbeitsleistung des Arbeiters fördernd wirkt. InVerbindung mit der Ausbreitung der Stücklöhnung verändertsich daher der Standpunkt der Arbeitgeber in der Frageder Arbeitszeit. Bekannte Arbeitgeber wie Mundella, HughMason u. a. sprechen sich heute für Verkürzung der Arbeits-zeit aus. Im März 1890 erklärte dem Prof. Brentano einAufseher der Maschinenfabrik von William Mather zu Salford ,der auch in Amerika und in Sachsen thätig gewesen, imBeisein eines der Teilhaber der Firma die relativ geringere

Erfolgen der Neunstundenbewegung gemacht haben, Brentano, Arbeiter-gilden der Gegenwart Bd. II, S. 85102.

1 Pferdebahn- und Eisenbahnarbeiter leiden in England wie ander-wärts am meisten unter überlanger Arbeitszeit. Diese Arbeiter mufstensich wiederholt zwischen 1 und 3 Uhr des Nachts zusammenfinden, um ihreAngelegenheiten zu beraten. Hier ist die Stadt Glasgow rühmlich voran-gegangen. Wie sie in den Konzessionen der Pferdebahngesellschaften,wird der Staat später in denen der Eisenbahnen die Arbeitszeit der An-gestellten regeln.

v. Schulze-Gaevemitz, Zum soc. Frieden. II. 18