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Individuum von den Vorbedingungen jenes idealen ZustandeSentfernt war, zeigte sich darin, dafs die Befreiung des Indi-viduums lediglich Entfesselung der selbstsüchtigen Triebe be-deutete. Hiermit aber gelangte man zur Unterdrückung desSchwachen durch den Starken und damit weiter zur social-revolutionären Partei, welche die Einsicht in den Irrtum desälteren Liberalismus allen denen heute aufzwingt, die nichtauf anderem Wege schon früher dazu gelangt sind.
Demgegenüber betont in dem Grade, als die wirtschaft-lich Schwachen geistig, gesellschaftlich und politisch in denVordergrund treten, der Socialismus „den Zwang zu Opfern".Seine Überlegenheit gegen die frühere Denkweise besteht inder Behauptung, dafs der Einzelne, sein Besitz wie seinenatürlichen Gaben, dem Ganzeu untergeordnet, dafs allge-meine höher als individuelle Interessen sind. Die socialistischeaber wie die individualistische Gesellschaftsauffassung ver-einigt die sociale. Sie stimmt ganz und voll mit jener Grund-behauptung des Socialismus überein, dafs der Einzelne fürdas Ganze da sei. Aber sie ist folgerichtiger. Jener Satznämlich läfst sich nur begründen durch eine organische Ge-sellschaftsauffassung, im Gegensatz zu der mechanischen desIndividualismus. Aus diesem Grunde aber kann auch dieUnterordnung des Einzelnen unter das Ganze nicht mecha-nisch, sondern allein organisch gedacht werden; sie ist alssolche in wachsendem Grade eine freie auf inneren Ver-änderungen des Einzelnen beruhende. Wenn der Socialismusden Individualismus mit staatlicher Zwangsgewalt bricht, soist für die sociale Auffassung Zweck nicht der Zwang, sonderndie einstige Entbehrlichkeit des Zwanges. Mit der älteren Lehreist ihr die Befreiung des Individuums das Ziel der Entwick-lung, aber nicht ein heute oder morgen durch einige deroga-torische Gesetze zu erreichendes, sondern ein unendlich fernes,
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