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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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nicht in ihm selbst, sondern nur in seiner Umsetzung in andere Werteliegt. Indem hier also der Gegensatz zwischen dem scheinbar Äufser-lichsten und Wesenlosen und der inneren Substanz des Lebens sich aufsüulserste spannt, muls er sich aufs wirkungsvollste versöhnen, wenndiese Einzelheit sich nicht nur in den ganzen Umfang der geistigenWelt, tragend und getragen, verwebt, sondern sich als Symbol derwesentlichen Bewegungsformen derselben offenbart. Die Einheit dieserUntersuchungen liegt also nicht in einer Behauptung über einen singu-lären Inhalt des Wissens und deren allmählich erwachsendem Beweise,sondern in der darzutuenden Möglichkeit, an jeder Einzelheit des Lebensdie Ganzheit seines Sinnes zu finden. Der ungeheure Vorteil derKunst gegenüber der Philosophie ist, dafs sie sich jedesmal ein einzelnes,eng umschriebenes Problem setzt: einen Menschen, eine Landschaft, eineStimmung und nun jede Erweiterung desselben zum Allgemeinen,jede Elinzufügung grofser Züge des Weltfühlens, wie eine Bereicherung,Geschenk, gleichsam wie eine unverdiente Beglückung empfinden läfst.Dagegen pflegt die Philosophie, deren Problem sogleich die Gesamtheitdes Daseins ist, der Gröfse dieses gegenüber sich zu verengen undweniger zu geben, als sie verpflichtet scheint. Hier ist nun umgekehrtversucht, das Problem begrenzt und klein zu nehmen, um ihm durchseine Erweiterung und Hina'usführung zur Totalität und zum Allgemeinstengerecht zu werden.

In methodischer Hinsicht kann man diese Grundabsicht so aus-drücken: dem historischen Materialismus ein Stockwerk unterzubauen,derart, dafs der Einbeziehung des wirtschaftlichen Lebens in die Ur-sachen der geistigen Kultur ihr Erklärungswert gewahrt wird, aber ebenjene wirtschaftlichen Formen selbst als das Ergebnis tieferer Wertungenund Strömungen, psychologischer, ja, metaphysischer Voraussetzungenerkannt werden. Für die Praxis des Erkennens mufs sich dies in end-loser Gegenseitigkeit entwickeln: an jede Deutung eines ideellen Gebildesdurch ein ökonomisches mufs sich die Forderung schliefsen, dieses seiner-seits aus ideelleren Tiefen zu begreifen, während für diese wiederum derallgemeine ökonomische Unterbau zu finden ist, und so fort ins unbe-grenzte. In solcher Alternierung und Verschlingung der begrifflichentgegengesetzten Erkenntnisprinzipien wird die Einheit der Dinge,unserem Erkennen ungreifbar scheinend und doch dessen Zusammenhangbegründend, für uns praktisch und lebendig.

Die hiermit bezeichneten Absichten und Methoden dürften keinprinzipielles Recht beanspruchen, wenn sie nicht einer inhaltlichenMannigfaltigkeit philosophischer Grundüberzeugungen dienen könnten.