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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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Keine Zeile dieser Untersuchungen ist nationalökonomisch gemeint.Das will besagen, dals die Erscheinungen von Wertung und Kauf, vonTausch und Tauschmittel, von Produktionsformen und Vermögenswerten,die die Nationalökonomie von einem Standpunkte aus betrachtet, hier voneinem andern aus betrachtet werden. Nur dafs ihre, der Nationalökonomiezugewandte Seite die praktisch interessierendste, die am gründlichsten durch-gearbeitete, die am exaktesten darstellbare ist nur dies hat das scheinbareRecht begründet, sie als * nationalökonomische Tatsachen« schlechthinanzusehen. Aber wie die Erscheinung eines Religionsstifters keineswegsnur eine religiöse ist, sondern auch unter den Kategorien der Psychologie,vielleicht sogar der Pathologie, der allgemeinen Geschichte, der Soziologieuntersucht werden kann; wie ein Gedicht nicht nur eine litteraturgeschicht-liche Tatsache ist, sondern auch eine ästhetische, eine philologische, einebiographische; wie überhaupt der Standpunkt einer Wissenschaft, die immereine arbeitsteilige ist, niemals die Ganzheit einer Realität erschöpft so ist,dafs zwei Menschen ihre Produkte gegeneinander vertauschen, keineswegsnur eine nationalökonomische Tatsache; denn eine solche, d. h. eine, derenInhalt mit ihrem nationalökonomischen Bilde erschöpft wäre, gibt es über-haupt nicht. Jener Tausch vielmehr kann ganz ebenso legitim als einepsychologische, als eine sittengeschichtliche, ja als eine ästhetische Tat-sache behandelt werden. Und selbst als nationalökonomische betrachtet,ist sie damit nicht am Ende einer Sackgasse angekommen, sondernselbst in dieser Formung wird sie der Gegenstand der philosophischenBetrachtung, die ihre Voraussetzungen in nicht-wirtschaftlichen Begriffenund Tatsachen und ihre Folgen für nicht - wirtschaftliche Werte undZusammenhänge prüft.

In . diesem Problemkreis ist das Geld nur Mittel, Material oder Bei-spiel für die Darstellung der Beziehungen, die zwischen den äufserlichsten,realistischsten, zufälligsten Erscheinungen und den ideellsten Potenzendes Daseins, den tiefsten Strömungen des Einzellebens und der Geschichtebestehen. Der Sinn und Zweck des Ganzen ist nur der: von der Ober-fläche des wirtschaftlichen Geschehens eine Richtlinie in die letztenWerte und Bedeutsamkeiten alles Menschlichen zu ziehen. Der abstraktephilosophische Systembau hält sich in einer solchen Distanz von denEinzelerscheinungen, insbesondere des praktischen Daseins, dafs er ihreErlösung aus der Isolierung und Ungeistigkeit, ja Widrigkeit des erstenAnblicks eigentlich nur postuliert. Hier aber soll sie an einem Bei-spiel vollbracht werden, an einem solchen, das, wie das Geld, nichtnur die Gleichgültigkeit rein wirtschaftlicher Technik zeigt, sondern so-zusagen die Indifferenz selbst ist, insofern seine ganze Zweckbedeutung