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wissenschaftlichen Welt über diese Kategorien glauben macht. Dasseelische Leben beginnt vielmehr mit einem Indifferenzzustand, in demdas Ich und seine Objekte noch ungeschieden ruhen, in dem Eindrückeoder Vorstellungen das Bewufstsein erfüllen, ohne dafs der Träger dieserInhalte sich von diesen selbst schon getrennt hätte. Dafs in dem aktuellbestimmten, momentan wirklichen Zustand ein Subjekt, das ihn hat, vondem Inhalt, den er hat, zu unterscheiden ist, das ist erst ein sekundäresBewufstsein, eine nachträgliche Zerlegung. Die Entwicklung führt offen-bar pari passu dahin, dafs der Mensch zu sich selbst Ich sagt und dafser für sich seiende Objekte aufserhalb dieses Ich anerkennt. Wenn dieMetaphysik manchmal meint, dafs das transszendente Wesen des Seinsabsolut einheitlich wäre, jenseits des Gegensatzes Subjekt-Objekt, so findetdies sein psychologisches Pendant an dem einfachen, primitiven Erfüllt-sein mit einem Vorstellungsinhalt, wie es an dem Kinde, das noch nichtvon sich als Ich spricht, und in rudimentärer Art vielleicht das ganzeLeben hindurch zu beobachten ist. Diese Einheit, aus der sich dieKategorien Subjekt und Objekt erst aneinander und durch einen noch zuerörternden Prozefs entwickeln, erscheint uns nur deshalb als eine sub-jektive, weil wir an sie mit dem erst nachher ausgebildeten Begriff derObjektivität herantreten und weil wir für derartige Einheiten keinenrechten Ausdruck haben, sondern sie nach einem der einseitigen Elementezu benennen pflegen, als deren Zusammenwirken sie in der nachträg-lichen Analyse erscheinen. So hat man behauptet, alles Handeln wäreseinem absoluten Wesen nach schlechthin egoistisch — während derEgoismus doch erst innerhalb des Handelns und im Gegensatz zu demihm korrelativen Altruismus einen verständlichen Inhalt nat; so hat derPantheismus die Allheit des Seins Gott genannt, von dem man docheinen positiven Begriff nur in seinem Sichabheben von allem Empirischen gewinnen kann. Diese evolutionistische Beziehung zwischen Subjekt undObjekt wiederholt sich schliefslich im gröfsten Mafsstab: die Geistesweltdes klassischen Altertums unterscheidet sich von der Neuzeit im wesent-lichen dadurch, dafs erst die letztere es auf der einen Seite zu der völligenTiefe und Schärfe des Ichbegriffes gebracht hat — w T ie er sich zu derdem Altertum unbekannten Bedeutung des Freiheitsproblems aufgegipfelthat —, auf der anderen zu der Selbständigkeit und Stärke des Objekt-begriffes, wie er in der Vorstellung der undurchbrechlichen Naturgesetz-lichkeit ausgedrückt ist. Das Altertum war dem Indifferenzzustande, indem Inhalte schlechthin, ohne zerlegende Projizierung auf Subjekt undObjekt vorgestellt werden, noch nicht so w r eit entrückt, wie die späterenEpochen.