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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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es verkennen, dafs nicht Seltenheit, sondern ein gewisses Mittleres zwischenSeltenheit und Nichtseltenheit in den meisten Fällen die Bedingung desWertes bildet. Das Seltenheitsmoment ist, wie eine leichte Überlegungzeigt, in die Bedeutung der Unterschiedsempfindlichkeit einzurangieren;das Häufigkeitsmoment in die Bedeutung der Gewöhnung. Wie nun dasLeben allenthalben durch die Proportion dieser beiden Tatsachen: dafswir ebenso Unterschied und Wechsel seiner Inhalte, wie Gewöhnung anjeden derselben bedürfen bestimmt wird, so stellt sich diese allgemeineNotwendigkeit hier in der speziellen Form dar, dafs der Wert der Dingeeinerseits einer Seltenheit, also eines Sichabhebens, einer besonderen Auf-merksamkeit bedarf, andrerseits aber einer gewissen Breite, Häufigkeit,Dauer, damit die Dinge überhaupt die Schwelle des Wertes überschreiten.

Ich will an einem Beispiel, das den ökonomischen Werten ganz fernliegt und gerade deshalb die prinzipielle Seite auch dieser zu verdeut-lichen geeignet ist, die allgemeine Bedeutung der Distanzierung für dieals objektiv vorgestellte Wertung darstellen: an der ästhetischen. Waswir jetzt die Freude an der Schönheit der Dinge nennen, ist relativ spätentwickelt. Denn wieviel unmittelbar sinnliches Geniefsen ihr einzelnerFall auch jetzt noch aufweise, so beruht doch das Spezifische ihrer geradein dem Bewufstsein, die Sache zu würdigen und zu geniefsen und nichtnur einen Zustand sinnlichen oder übersinnlichen Angeregtseins, den sieuns etwa bereite. Jeder kultivierte Mann wird prinzipiell mit grofserSicherheit zwischen der ästhetischen und der sinnlichen Freude anFrauenschönheit unterscheiden, so wenig er vielleicht der einzelnen Er-scheinung gegenüber diese Komponenten seines Gesamtgefühles maggegeneinander abgrenzen können. In der einen Beziehung geben wiruns dem Objekt, in der anderen gibt sich der Gegenstand uns hin. Magder ästhetische Wert, wie jeder andere, der Beschaffenheit der Dingeselbst fremd und eine Projektion des Gefühles in sie hinein sein, so istes ihm doch eigentümlich, dafs diese Projektion eine vollkommene ist,d. h. dafs der Gefühlsinhalt sozusagen völlig in den Gegenstand hinein-geht und als eine dem Subjekt mit eigener Norm gegenüberstehendeBedeutsamkeit erscheint, als etwas, was der Gegenstand ist. Wie mages nun historisch-psychologisch zu dieser objektiven, ästhetischen Freudean den Dingen gekommen sein, da doch der primitive Genufs ihrer, vondem jeder höhere ausgegangen sein mufs, sich sicher nur an ihre sub-jektiv-unmittelbare Geniefsbarkeit und Nützlichkeit geknüpft hat? Viel-leicht gibt uns eine ganz einfache Beobachtung den Schlüssel dazu. Wennein Objekt irgendwelcher Art uns grofse Freude oder Förderung bereitethat, so haben wir bei jedem späteren Anblick dieses Objekts ein Freude-