Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
33
Einzelbild herunterladen
 

33

Verhältnis des Menschen zur Welt fassen kann: dafs aus der absolutenEinheit und dem Ineinanderverwachsensein der Dinge, in dem jedes dasandere trägt und alle zu gleichen Rechten bestehen, unsere Praxis nichtweniger als unsere Theorie unablässig einzelne Elemente abstrahiert, umsie zu relativen Einheiten und Ganzheiten zusammenzuschliefsen. Wirhaben, aufser in ganz allgemeinen Gefühlen, keine Beziehung zu derTotalität des Seins: erst indem wir von den Bedürfnissen unseres Denkensund Handelns aus fortwährende Abstraktionen aus den Erscheinungenziehen und diese mit der relativen Selbständigkeit eines blofs innerenZusammenhanges ausstatten, die die Kontinuität der Weltbewegungendem objektiven Sein jener verweigert, gewinnen wir ein in seinen Einzel-heiten bestimmtes Verhältnis zur Welt. So ist das wirtschaftliche Systemallerdings auf eine Abstraktion gegründet, auf das Gegenseitigkeits-verhältnis des Tausches, die Balance zwischen Opfer und Gewinn, wäh-rend es in dem wirklichen Prozefs, in dem es sich vollzieht, mit seinemFundamente und seinem Ergebnis: den Begehrungen und den Genüssen,untrennbar verschmolzen ist. Aber diese Existenzform unterscheidet esnicht von den sonstigen Gebieten, in die wir die Gesamtheit der Er-scheinungen zu den Zwecken unserer Interessen zerlegen.

Das Entscheidende für die Objektivität des wirtschaftlichen Wertes,die das Wirtschaftsgebiet als selbständiges abgrenzt, ist das prinzipielleHinausgehen seiner Gültigkeit über das Einzelsubjekt. Dadurch, dafs fürden Gegenstand ein anderer gegeben werden mufs, zeigt sich, dafs der-selbe nicht nur für mich, sondern auch an sich, d. h. auch für einenanderen, etwas wert ist. An der wirtschaftlichen Form der Werte findetdie Gleichung: Objektivität = Gültigkeit für Subjekte überhaupt eineihrer deutlichsten Rechtfertigungen. Durch die Äquivalenz, die über-haupt erst gelegentlich des Tausches ein Bewufstsein und Interesse er-wirbt, wächst dem Wert der spezifische Charakterzug der Objektivitätzu. Denn nun mag jedes der Elemente nur personaler Art oder nursubjektiv wertvoll sein dafs sie einander gleich sind, ist ein ob-jektives, in keinem dieser Elemente für sich und doch nicht aufserhalbbeider liegendes Moment. Der Tausch setzt eine objektive Messung sub-jektiver Wertschätzungen voraus, aber nicht im Sinne zeitlichen Voran-gehens, sondern so, dafs beides in einem Akte besteht.

Man mufs sich hier klar machen, dafs die Mehrzahl der Beziehungenvon Menschen untereinander als Tausch gelten kann; er ist die zugleichreinste und gesteigertste Wechselwirkung, die ihrerseits das menschlicheLeben ausmacht, sobald es einen Stoff und Inhalt gewinnen will. Zu-nächst wird schon oft übersehen, wie vieles, das auf den ersten Blick

Simmel, Philosophie des Geldes. 2. Auf!. 3